Gehalt bleibt wichtig. Doch ob Beschäftigte bleiben oder gehen, entscheiden Erhebungen zufolge oft Führung, Arbeitsbedingungen und Wertschätzung im Alltag.
Arbeitgeberattraktivität hat zwei Seiten: die Anziehungskraft auf Bewerber und die Erfahrung der Menschen, die bereits im Unternehmen arbeiten. Viele Unternehmen investieren stark in Karriereseiten, Social Media und Recruiting-Kampagnen. Ob Fachkräfte jedoch bleiben, entscheidet sich meist im Arbeitsalltag.
„Ich finde seit sechs Monaten niemanden“ – solche Klagen von Arbeitgebern sind in vielen Branchen wie etwa im Handwerk zu hören. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben den Aussagen jedoch ihre eigene Sicht entgegenzusetzen. In Online-Diskussionen berichten sie von verrosteten Transportern, minderwertigem Material und einer Unternehmenskultur, in der 50 Wochenstunden erwartet werden, obwohl im Vertrag nur 40 Stunden stehen.
Ein Reddit-Nutzer mit dem Pseudonym „Asking-for-a-friennd“ stellte in der Rubrik „Handwerker” die Frage: „Was sind für euch die absoluten Red Flags, bei denen ihr im Vorstellungsgespräch sofort aufsteht und geht?“ Die Antworten geben einen aufschlussreichen Einblick in die Erwartungen vieler Arbeitnehmer.
Besonders große Zustimmung findet eine Kritik an fehlenden Kenntnissen der geltenden Tarifverträge. Dies sei im Vorstellungsgespräch ein klares Warnsignal. Kritisch wird außerdem gesehen, wenn Selbstverständlichkeiten wie pünktliche Gehaltszahlungen oder tarifgerechte Vergütung als besondere Benefits dargestellt werden. Für viele Bewerberinnen und Bewerber sind solche Punkte keine Zusatzleistungen, sondern Grundvoraussetzungen.
Die Auswertung zeigt einen Branchenübergriff: Neben Vertretern aus dem Handwerk haben sich auch Personen aus anderen Berufsfeldern zu dem Thema geäußert.
Auch nach der Einstellung entscheidet der Arbeitsalltag über die Arbeitgeberattraktivität. Wiederkehrend ist etwa die Kritik an veraltetem Werkzeug und Fahrzeugen, die nur mit Mühe durch den TÜV kommen.
Gerade Auszubildende wünschen sich Begleitung, Orientierung und feste Ansprechpartner. Frust entsteht dort, wo Nachwuchskräfte früh mit Verantwortung allein gelassen oder von Vorgesetzten und Kollegen vorschnell abgestempelt werden. Mehrfach wird betont: Auszubildende brauchen Menschen, die anleiten und vorangehen. Die Erfahrung, zunächst allein gelassen und später für Fehler verantwortlich gemacht zu werden, scheinen viele junge Beschäftigte zu teilen.
Wie wichtig der zwischenmenschliche Umgang ist, zeigen auch die Ergebnisse der Randstad Employer Brand Research des vergangenen Jahres: Branchenübergreifend haben rund 41 Prozent der Beschäftigten das Gefühl, keine Wertschätzung zu erfahren.
Die Employer Brand Research des Jahres 2026 beleuchtet mitunter die wichtigsten Gründe für einen Jobwechsel. An der Spitze: eine zu niedrige Vergütung, gefolgt vom Wunsch nach einer verbesserten Work-Life-Balance.
Der Fachkräftemangel bleibt für viele Unternehmen eine der größten Herausforderungen. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) fehlen dem Handwerk weiterhin etwa 250.000 Fachkräfte. Zudem bleiben jedes Jahr rund 20.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Hinzu kommt die hohe Zahl vorzeitig gelöster Ausbildungsverträge. Für 2025 weist der ZDH mehr als 54.800 vorzeitige Vertragslösungen bei einem Lehrlingsbestand von rund 346.000 Auszubildenden aus.
Auch die emotionale Bindung vieler Beschäftigter an ihren Arbeitgeber fällt gering aus. Laut dem Gallup Engagement Index Deutschland 2025 sind lediglich zehn Prozent der Beschäftigten emotional hoch an ihren Arbeitgeber gebunden. 77 Prozent weisen nur eine geringe emotionale Bindung auf, weitere 13 Prozent gelten als nicht gebunden. Die Folgen zeigen sich auch bei den Fehlzeiten. Beschäftigte mit hoher emotionaler Bindung fehlen durchschnittlich rund 5,7 Tage pro Jahr. Bei Beschäftigten ohne emotionale Bindung sind es 9,7 Tage.
Gleichzeitig möchten laut Gallup nur noch 56 Prozent der Beschäftigten in einem Jahr sicher noch bei ihrem aktuellen Arbeitgeber tätig sein. 2018 lag dieser Wert noch bei 78 Prozent.
Die Randstad Employer Brand Research misst Arbeitgeberattraktivität an zwölf Schlüsselfaktoren. Um diese zu ermitteln, wurden die Teilnehmenden dazu befragt, was ihnen bei der Wahl eines Arbeitgebers am wichtigsten ist. Die Faktoren wurden über mehrere Jahre aus den Studienergebnissen abgeleitet und jährlich gerankt.
Das sind laut der Auswertung aus dem Jahr 2026 die zwölf wichtigsten Punkte für Arbeitgeberattraktivität:
Viele Probleme lassen sich nicht allein durch zusätzliche Recruiting-Kampagnen lösen. Wichtiger für die Bindung von Beschäftigten sind häufig Faktoren innerhalb des Unternehmens.
Der Gallup Engagement Index Bericht zeigt, dass Arbeitgeberattraktivität vor allem durch Faktoren entsteht, die Beschäftigte täglich erleben. Als besonders wirksam gelten gute Führung, regelmäßiges und hilfreiches Feedback sowie eine transparente Kommunikation. Bereits kurze, wöchentliche Gespräche können die emotionale Bindung stärken, wenn sie Anerkennung vermitteln, Ziele klären, die Zusammenarbeit verbessern und individuelle Stärken fördern. Auch ausreichend Personal spielt eine wichtige Rolle, da Personalmangel die Arbeitsbelastung erhöht und Motivation und Bindung der Beschäftigten beeinträchtigen kann.
Beschäftigte aus dem Reddit-Forum nennen beispielsweise gemeinsame Mahlzeiten, hochwertige Verpflegung auf Baustellen oder individuelle Anerkennungen. Solche Angebote ersetzen keine strukturellen Verbesserungen, können aber das Betriebsklima stärken.
Wer sich über potenzielle Arbeitgeber informiert, nutzt immer häufiger Künstliche Intelligenz (KI). Dadurch wird das digitale Bild eines Unternehmens nicht mehr nur durch die eigene Karrierewebsite geprägt, sondern auch durch öffentlich verfügbare Bewertungen, Erfahrungsberichte, Medienberichte und andere Drittquellen.
Unternehmen können die KI aber auch positiv nutzen, indem sie auf ihren eigenen Webseiten konkrete und gut strukturierte Informationen zu Arbeitsbedingungen, Karrierewegen, Weiterbildungsmöglichkeiten, Vergütung oder Unternehmenswerten bereitstellen. Solche faktenbasierten Inhalte werden von der KI dann bei der Beantwortung von Arbeitgeberfragen berücksichtigt.
Experten sprechen in diesem Zusammenhang von Generative Engine Optimization (GEO). Gemeint ist die gezielte Aufbereitung von Informationen, damit KI-Systeme bei Fragen nach einem Arbeitgeber möglichst präzise antworten. Entscheidend ist dennoch, ob die Erfahrungen der Beschäftigten bei Drittquellen die kommunizierten Werte tatsächlich bestätigen.