Pauline Helmrich soll im elterlichen Betrieb bald die Nachfolge antreten. Über den Blick der Tischlerin auf Rollenbilder, Selbstzweifel und warum Frauen jedes Handwerksteam bereichern können.
Einmal Betriebsluft geschnuppert und nicht mehr davon weggekommen – so klingt der Weg, den Pauline Helmrich in den vergangenen drei Jahren eingeschlagen hat. Eigentlich war die heute 29-Jährige mitten im Lehramtsstudium. Doch dann entschied sie, im familieneigenen Handwerksbetrieb, der Tischlerei Helmrich in Isernhagen, mit einzusteigen. „Ich habe in den Ferien das Büro mit unterstützt und festgestellt, dass es einfach sehr viel Spaß macht“, berichtet die Tischlergesellin. Dass sie den Weg in Richtung Lehramt nicht weiter verfolgen würde, sei eher eine Entscheidung für das Handwerk als gegen den Lehrerberuf gewesen.
Mittlerweile ist sie in den letzten Zügen ihrer Weiterbildung zur Betriebswirtin im Handwerk. Künftig will sie mit ihrem Cousin den Betrieb weiterführen. Das Unternehmen, das einst ihr Opa gegründet hat, wird momentan von ihrem Vater und ihrem Onkel geleitet.
Parallel zur Arbeit in der Tischlerei schloss Helmrich im Jahr 2024 ihr Studium ab. „Tagsüber war ich Vollzeit im Betrieb und abends habe ich mich der Bachelorarbeit gewidmet“, erinnert sie sich. „Ich war zu der Zeit schon mit Kopf und Herz in der Firma“, betont sie. Und ihre Familie? Die habe sich schon gefreut, dass sie mit in den Betrieb einsteigt. Aber eine gewisse Zurückhaltung habe sie dennoch gespürt. „Dass ich den geradlinigen Weg von Abitur über Studium zum Beruf unterbrochen habe, das hat einige irritiert“, berichtet die Handwerkerin.
Um das Wissen im Tischlerhandwerk aus erster Hand zu bekommen, hat sich Helmrich dann für eine klassische Ausbildung entschieden. „Das hätte ich nicht gemusst. Aber ich wollte auch für künftige Zuständigkeiten das Know-how mitbringen“, sagt sie. Der Gesellenbrief habe sie nicht nur glücklich gemacht, sondern ihr auch mehr Selbstvertrauen gegeben.
Einen besonderen Mehrwert sieht die Handwerkerin in der Außenperspektive: „Ich war während der Ausbildung ein Jahr lang in anderen Betrieben und habe dort verschiedene Unternehmen und Ansätze kennengelernt“, berichtet Helmrich. Woanders reinzuschnuppern, beugt Betriebsblindheit vor, ist sie sich sicher. Das zweite Jahr war sie im Familienbetrieb. Dabei hat sie das Team noch einmal anders kennengelernt. Es habe auch schwierige Situationen gegeben – aber die hätten sie gemeinsam gemeistert. Dass sie als junge Frau in Ausbildung war, sei nie extra thematisiert worden.
“Dass ich meinen geradlinigen Weg, Abitur, Studium, Lehrkraft, unterbrochen habe, hat einige irritiert.”
Mit Blick auf die Frauen im Handwerk sei der Seiteneinsteigerin eine Sache besonders aufgefallen: „Frauen haben immer das Gefühl, sich beweisen zu müssen. Männer sind einfach schon da“, sagt Helmrich. Sie finde es unheimlich anstrengend, dass Frauen sich diesen Druck machten. Dabei sei das gar nicht notwendig. Schon gar nicht, wenn sich viele mehr Frauen im Handwerk – besonders in Bauberufen – wünschen.
Was sie sich für die Zukunft wünscht? „Dass alle bei null starten und sich der Berufsweg auf Grundlage der Leistung oder der Persönlichkeit entwickelt – und aufgrund des Geschlechts“, betont die Tischlerin. Sie wünscht sich zudem, dass Frauen, vor allem auf Baustellen, nicht immer gleich gefragt werden, ob sie Hilfe brauchen. „Manche schweren Gegenstände heben Männer auch nicht ohne Hilfsmittel an, das geht Frauen genauso“, sagt sie. Bedenken, dass Frauen sich wegen körperlicher Voraussetzungen gegen eine Karriere im Handwerk entscheiden, könne sie zerstreuen. „Bei den Möglichkeiten, die die Technik heute bietet, bekommen auch Frauen alles gewuppt.“
Wie wertvoll Frauen in Teams sind, hat die Tischlerin im eher männerdominierten Handwerk erfahren. „Frauen haben oft mehr Feingefühl und bringen Ruhe ins Team“, sagt Helmrich. Zudem erhöhe sich der kreative Output, da Frauen eher ihren Fokus auf andere, auch weichere Themen legen. Kunden freuten sich zudem über eine weibliche Ansprechperson. Empathie spiele da eine große Rolle. Frauen seien oft kommunikativer und könnten eher auf Kundenwünsche eingehen.
Sie habe auch von Ausbildern gehört, dass Frauen teilweise genauer arbeiten. „Bei den letzten zwei bis drei Prozent vor Fertigstellung eines Projekts geben sie sich besondere Mühe“, berichtet sie. der Abgabe eines Werkstücks oder beim Ausfüllen des Berichtshefts in der Ausbildung nehmen sie ernst und geben sich besondere Mühe“, berichtet sie.
Welche Learnings kann sie anderen Frauen auf ihrem Weg mitgeben? „Schraubt die Erwartungen an euch selbst runter“, sagt Helmrich. Ein qualitativer Anspruch an die Arbeit sei immer gut, aber es müssten nicht immer 200 Prozent sein. Außerdem habe sie gelernt: Man kann die Kollegen immer fragen, wenn man Unterstützung braucht, das sei kein Zeichen von Schwäche.
Außerdem habe sie im Laufe der Zeit gelernt, Feedback nicht persönlich zu nehmen und Fachliches von Privatem zu trennen. „Es gibt immer wieder mal Meinungsverschiedenheiten und jeder macht mal Fehler. Aber in der Pause ist das Thema beendet und man lacht wieder mit dem Team“, resümiert Helmrich.

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