Fehler sind ärgerlich, aber sie bieten auch eine Chance: Mit einer funktionierenden Fehlerkultur können Sie dafür sorgen, dass daraus mehr Eigenverantwortung im Team entsteht.
Der Betrieb läuft unter Hochdruck. Während der Chef Telefonate führt und Baustellen koordiniert, kommt der Geselle: Für die Baustelle morgen habe er das falsche Material bestellt, räumt er schuldbewusst ein. So schnell könne der Lieferant nichts Neues besorgen. Morgen könne dort nicht wie geplant gearbeitet werden.
„Jetzt ist es entscheidend, wie der Chef reagiert“, sagt Susanne Hasemann, Geschäftsführerin von Litano Coaching, die sich auf Handwerksbetriebe spezialisiert hat. Die einfachste Reaktion wäre jetzt: Druck ablassen, den Mitarbeiter anschnauzen. Doch Hasemann warnt: „Kurzfristig verschafft Ärger vielleicht Erleichterung. Doch langfristig passiert etwas anderes.“
Eine schroffe Reaktion auf einen Fehler kann eine ungute Dynamik auslösen: „Die Mitarbeitenden beginnen, sich abzusichern“, beschreibt Hasemann. „Sie treffen weniger eigenständige Entscheidungen. Sie melden Probleme später. Sie vermeiden Verantwortung. Nicht aus Trotz, sondern aus Selbstschutz.“
Damit, so warnt sie, erreichten Führungskräfte genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollten: Sie müssten mehr lenkend eingreifen statt weniger, mehr kontrollieren, mehr mitarbeiten. Schlimmstenfalls würden Fehler aus Angst vertuscht. „Das schadet der Produktivität und dem Ruf des Betriebs.“
Doch auch im Team hinterlässt eine schlechte Fehlerkultur Spuren. „In vielen Betrieben passiert in solchen Situationen außerdem etwas anderes, oft unbewusst“, sagt Hasemann. „Der Chef löst das Problem nicht mit dem Mitarbeiter, der den Fehler verursacht hat. Stattdessen schickt er seinen zuverlässigsten Mitarbeiter los, um den Schaden zu beheben – der vermeintlich schnellste Weg.“
Doch das funktioniere nur kurzfristig, warnt sie: „Langfristig entsteht ein Problem auf zwei Seiten: Der starke Mitarbeiter ist genervt, weil er immer wieder die Fehler anderer ausbaden muss. Und der Mitarbeiter, der den Fehler gemacht hat, lernt etwas ganz anderes: Mein Chef traut mir offenbar nicht zu, das selbst zu lösen.“ Beides schwäche die Verantwortung im Team.
Also darf man Mitarbeitende, die Fehler machen, gar nicht zurechtweisen? „Eine funktionierende Fehlerkultur im Handwerk bedeutet nicht, Fehler gutzuheißen“, betont die Coachin. „Sie bedeutet, sie als Lernmoment zu nutzen. Denn Eigenverantwortung entsteht nur, wenn Fehler nicht sofort sanktioniert, sondern als Teil eines Lernprozesses verstanden werden.“
Dazu, sagt Hasemann, reiche zunächst eine einzige Frage: Was soll mein Mitarbeitender aus dieser Situation lernen? „Wenn Lernen das Ziel ist, verändert sich automatisch das Gesprächsverhalten des Chefs: Der Fokus wandert von ‚Wer hat Schuld?‘ zu ‚Wie machen wir es künftig besser?‘“
Wenn ein Fehler passiert, sei das ein emotionaler Moment, so Hasemann. „Doch eine emotionale Reaktion hilft nicht weiter.“ Sie plädiert stattdessen dafür, fünf offene Fragen zu stellen, um auf eine sachliche Ebene zu kommen und einen Lernprozess beim Mitarbeitenden auszulösen.
„Mit diesen Fragen verändert sich die Dynamik des Gesprächs“, sagt Hasemann. „Es geht jetzt nicht mehr um Schuld, sondern um Verbesserung. Und genau hier entsteht Verantwortung.“

Ein Lernprozess ist nur erfolgreich, wenn auch ein Ziel festgelegt wird, ist Hasemann überzeugt. „Wichtig ist, dass am Ende des Gesprächs eine konkrete Vereinbarung steht, um eine Wiederholung des Fehlers auszuschließen“, sagt sie. „Je präziser die Antwort, desto geringer das Risiko eines Wiederholungsfehlers.“
Beim Mitarbeitenden führe ein solches Gespräch oft zu mehr Eigenverantwortung, sagt Hasemann. „Er entwickelt selbst eine Lösung und übernimmt Verantwortung für die Verbesserung. Und genau das erleichtert langfristig die Führung des Betriebs.“

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