Sophie Oberländer setzt sich für Frauen und Azubis im Handwerk ein. Im Interview spricht die Schreinerin über Vorurteile und was Betriebe tun müssen, damit eine gute Ausbildung gelingt.
Sophie Oberländer ist Schreinergesellin in der Schreinerei Fritz Möbelwerkstätte in Göppingen (Baden-Württemberg). Die 26-Jährige hat mit ihrem Betrieb einen „echten Glücksgriff“ gelandet, sagt die Handwerkerin. Sie setzt sich stark für Auszubildende, besonders Frauen, ein, denen ein solcher „Glücksgriff“ noch nicht gelungen ist. Diesem Engagement geht sie sowohl während der Arbeitszeit als auch in ihrer Freizeit nach.
handwerk.com: Was wünschen Sie sich für Frauen im (Tischler)Handwerk?
Sophie Oberländer: Ich würde mir am meisten wünschen, wenn Frauen nicht mehr als Exoten im Handwerk behandelt werden. Im Handwerk können Frauen heutzutage genauso arbeiten wie in anderen Berufen auch. Daher wünsche ich mir, gleiche Chancen ohne große Vorurteile.

Was würden Sie jungen Mädchen raten, die eine Ausbildung im Handwerk anstreben?
Ausprobieren auf jeden Fall! Zu sagen: ‚Ich habe Lust auf Handwerk und etwas mit den Händen machen‘. Frauen sollten ausprobieren und schauen, was ihnen liegt.
Gerade für Frauen ist es wichtig, dass sie sich einen Betrieb zu suchen, in dem sie sich wohlfühlen. Sie sollten sich nicht entmutigen lassen, wenn es mal nicht passt. Wegen einer schlechten Erfahrung sollte niemand das Handwerk aufgeben. Wenn man richtig Bock darauf hat, kann das eine richtig geile Sache werden.
Was können Betriebe tun, um den Frauen den Weg ins Handwerk zu erleichtern?
Offen sein, das ist ganz wichtig. Den Frauen nicht das Gefühl geben, dass sie sich mehr beweisen müssen als die Männer und ihnen vermitteln, dass sie ihre Probleme ansprechen können. Das Handwerk selbst ist kein frauenfeindlicher Beruf. Das hat immer mit den Menschen zu tun, die ein veraltetes Rollenbild haben.
Der Anteil der Frauen im Tischhandwerk ist in den letzten Jahren gestiegen. Woran liegt das?
Der Beruf ist wirklich attraktiver geworden. Zum Beispiel zeigen viele Handwerkerinnen in Social Media ihr Gewerk und sagen: ‚Hey, guck mal, ist gar nicht so schlimm.‘ Dazu kommt der gesellschaftliche Wandel, veraltete Rollenbilder aufzubrechen. Viele Betriebe sind auch bei den Arbeitszeitmodellen flexibler geworden. Beispielsweise mit Teilzeitmodellen, familienfreundlicheren Arbeitszeiten und besseren Arbeitsbedingungen.
Natürlich gehört noch Mut von jungen Frauen dazu, sich um einen Ausbildungsplatz zu bewerben. Auch der ganze Hype um DIY-Projekte hat den Leuten das Handwerk nähergebracht. Ich glaube, viele Frauen haben den Ansporn, zum Beispiel einen Tisch selbst aufzubauen, ohne Hilfe von einem Mann. Die DIY-Projekte wecken vielleicht auch den Wunsch nach sinnstiftender und praktischer Arbeit, diese ist oft im Handwerk zu finden.
Die Abbrecherquote im Handwerk liegt bei 37 Prozent. Was braucht es Ihrer Meinung nach, um diese Zahl zu verringern?
Der Umgang mit den Menschen muss besser werden. Es kann nicht sein, dass Auszubildende wie billige Hilfskräfte behandelt werden. Ausbildungsbetriebe verpflichten sich, ihren Auszubildenden in drei Jahren ein Handwerk beizubringen. Dafür ist nicht nur die Berufsschule zuständig, sondern auch der Ausbildungsbetrieb.
Betriebe müssen lernen, mit den jungen Menschen zu arbeiten. Sie haben aber auch eine Fürsorgepflicht für ihre Auszubildenden. Und heutzutage müssen Betriebe die jungen Leute auch ein Stück mit erziehen. Zwischen Betrieb und Auszubildenden muss es wirklich gut matchen. Wenn die jungen Leute, die etwas draufhaben, nur ausgebeutet werden, dann gehen sie. Sie machen eine Ausbildung, um etwas zu lernen.“
Haben Sie einen Tipp für junge Leute, die ihre Ausbildung abbrechen wollen, weil sie in ihrem Ausbildungsbetrieb unglücklich sind?
Habt den Mut, noch woanders hinzugehen und es noch mal zu versuchen. Oft liegt es nicht am Handwerk, sondern am Betrieb und an den Menschen, die dort arbeiten. Deshalb mein Tipp: Gebt dem Ganzen noch eine Chance und sucht euch einen neuen Betrieb, denn das Handwerk kann richtig Spaß machen.

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