Überverantwortung: Wenn sich der Chef zu viel auflädt
Selbstständigkeit bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Doch wer sich ständig für alles verantwortlich fühlt, riskiert die eigene Gesundheit. Was dagegen hilft.
Auf einen Blick
Verantwortungsbewusstsein zeichnet die Chefinnen und Chefs im Handwerk aus. Doch übertriebene Verantwortung kann zur Last werden – wenn es um Ereignisse geht, die sie nur teilweise beeinflussen können. Wie kommt es dazu? Wann wird es gefährlich? Und wie gelingt die Balance zwischen angemessener und übertriebener Verantwortung? Antworten gibt der Berliner Psychologe Nils Spitzer.
Warnsignale: Woran Sie erkennen, dass Sie zu viel Verantwortung übernehmen
„Verantwortung zu übernehmen ist grundsätzlich positiv“, sagt Spitzer. Es bedeute, Schaden abzuwenden und Dinge erfolgreich zu Ende zu bringen.
Doch Überverantwortung sei „zu viel des Guten“. Spitzer spricht von einer „stabilen Neigung“, sich ständig Aufgaben aufzubürden, die außerhalb des eigenen Einflussbereichs und der eigenen Zuständigkeit liegen.
Die Grenze zwischen normaler und übertriebener Verantwortung sei oft schwer zu ziehen, sagt der Psychologe. Das gelte besonders für Unternehmer und Selbstständige. Doch fünf Fragen können bei der Selbsteinschätzung helfen:
- Überprüfen Sie ständig alles und jeden – weit über alle Sorgfaltsstandards hinaus?
- Durchdenken Sie alles immer wieder akribisch und spielen im Kopf alle möglichen Szenarien durch, weil Sie vermeintlich nur so zu verantwortungsvollen Entscheidungen gelangen?
- Haben Sie manchmal ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht, weil Sie Probleme zu lösen versuchen, die Sie nicht beeinflussen können?
- Haben Sie öfter ein schlechtes Gewissen, weil Sie glauben, Ihrer Verantwortung nicht gerecht zu werden?
- Leiden Sie unter Schlaflosigkeit und haben das Gefühl, dass Ihre Kräfte schwinden?
Das seien typische Anzeichen für ein übertriebenes Verantwortungsbewusstsein, sagt Spitze.

Gefahren: Welche Folgen übertriebene Verantwortung haben kann
Spitzer warnt vor den Konsequenzen: Am Anfang stehen permanente Anspannung und dauernder Stress. „Betroffene arbeiten intensiver und sind sich nie sicher, ob es reicht.“
Langfristig drohen gesundheitliche Schäden: Burn-out, Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen können die Folge sein.
Zudem leidet das Privatleben: Wer sich ständig überlastet, gerät in eine „Monokultur des Lebens“ – alles dreht sich nur noch um den Betrieb. Familie, Freundschaften und Freizeit bleiben auf der Strecke.
Ursachen: Warum manche Chefs zu Überverantwortung neigen
Der Psychologe sieht drei Hauptgründe für übertriebene Verantwortlichkeit, die stark in der Persönlichkeit verankert sind:
- Moralischer Perfektionismus – der Drang, andere um jeden Preis vor Schaden zu bewahren.
- Kontroll-Illusion – das Gefühl, mehr beeinflussen zu können, als tatsächlich möglich ist.
- Katastrophendenken – die ständige Sorge vor dem, was alles schiefgehen kann, und den vermeintlich schweren Folgen.
Die Erfahrung als Unternehmer kann solche Tendenzen verstärken, sagt Spitzer. Ein eigenes Unternehmen aufzubauen, ist mit einem Gefühl von viel Einfluss verbunden. „Das ist ja real auch so. Es kann aber in ein Gefühl von Allzuständigkeit und Handlungsmächtigkeit weit außerhalb der eigenen Einflusssphäre umschlagen.“
Strategien: Wie Sie Überverantwortung in den Griff bekommen
Wie können Betriebsinhaber das richtige Maß an Verantwortungsgefühl finden – ohne ihre Aufgaben zu vernachlässigen? Der Psychologe empfiehlt dafür fünf Ansätze:
- Hinterfragen Sie sich selbstkritisch: Ist das wirklich meine Aufgabe? Hätte ich delegieren können? Bin ich über die Standards hinausgegangen?
- Wechseln Sie die Perspektive: Achten Sie auf Signale von Mitarbeitenden oder Geschäftspartnern. „Wer zur Überverantwortung neigt, merkt oft nicht, wenn er Grenzen überschreitet“, sagt Spitzer. Deswegen seien diese Signale hilfreich.
- Schenken Sie Vertrauen: Wer Mitarbeitenden bewusst Verantwortung überträgt, trifft meist auf Menschen, die sich darum bemühen, diesem Vertrauen gerecht zu werden, so Spitzer. „So entsteht ein Umfeld, dem man vertrauen kann und in dem man nicht alles allein tragen muss.“
- Überdenken Sie Ihre Zuständigkeiten: Chefs im Handwerk wollen heute immer öfter mehr an und weniger in ihrem Betrieb arbeiten. „Das könnte ein guter Ansatz sein, die eigene Zuständigkeit zu begrenzen und sich nicht mehr für alles verantwortlich zu fühlen“, sagt der Psychologe.
- Arbeiten Sie an Ihrem Mindset: Langfristig geht es darum, die eigene Einstellung zu ändern. Finden Sie heraus, welche inneren Antreiber Sie haben, und steuern Sie gezielt dagegen. „Wer ständig seinen Einfluss überschätzt, sollte sich regelmäßig an dessen Grenzen erinnern“, rät Spitzer. Das sei zwar schmerzhaft, aber heilsam.
Hilfe: Sie müssen das Problem nicht allein lösen
Betroffenen fällt es oft schwer, ein übertriebenes Verantwortungsbewusstsein selbst zu zügeln. „Wenn die Erschöpfung zu groß wird, sollten Sie Hilfe suchen. Überverantwortung lässt sich in einer Therapie meist gut behandeln.“ Das Ziel einer solchen Therapie: ein flexibles Verhalten, das verantwortungsvolles Handeln ermöglicht, ohne Gesundheit, Privatleben oder den Betrieb zu opfern.
Buchtipp: Nils Spitzer: Krank vor Verantwortung? Wie man auf ausgewogene Weise Verantwortung übernehmen kann. Springer Verlag, Berlin 2024

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