„Nicht jeder will Freitag frei – aber jeder will die Wahl“
Mervan Oktay setzt auf flexible Arbeitszeiten und bietet auch die Vier-Tage-Woche an. Die Mitarbeitenden entscheiden nach Bedarf. Wie funktioniert das?
Auf einen Blick
Während die Politik fordert, dass alle mehr und länger arbeiten, geht ein 38-jähriger Unternehmer aus Schleswig-Holstein einen anderen Weg. Mervan Oktay übernahm 2025 einen Malerbetrieb, in dem seine Vorgängerin die Vier-Tage-Woche eingeführt hatte.
Oktay testete das Arbeitszeitmodell monatelang während der Übergabephase und entschied: „Es funktioniert. Warum sollte ich es ändern?“ Die Vier-Tage-Woche ist jedoch nur ein Teil seines Konzepts. „Nicht jeder will vier Tage arbeiten“, sagt Oktay. „Manche möchten mehr Stunden leisten und später zusätzliche freie Tage nehmen. Andere bevorzugen jede Woche ein langes Wochenende.“
Er ermöglicht beides. Von seinen sieben Mitarbeitenden arbeiten vier Mitarbeitende fünf Tage, drei haben freitags frei. Und auch die Fünf-Tage-Kräfte können flexibel wechseln – eine kurze Vorankündigung genügt.
Das passt zu den Bedürfnissen der Mitarbeitenden: Eltern nutzen den freien Freitag für Termine oder Zeit mit der Familie. Jüngere Kollegen arbeiten lieber fünf Tage, sammeln Überstunden und nehmen sich im Sommer zusätzliche freie Tage. „Es geht nicht darum, allen das Gleiche zu geben“, betont Oktay. „Es geht darum, jedem das Richtige zu ermöglichen.“
Organisatorisch sei das für ihn kein Problem. „Das ist reine Planung, keine Raketenwissenschaft“, sagt Oktay. Ein Monatsplan sorgt dafür, dass Kunden rechtzeitig informiert sind und Projekte reibungslos laufen.
Fahrzeiten als Schlüssel

Die Mitarbeitenden profitieren von der Flexibilität ohne Lohneinbußen. Das liegt nicht nur an der übertariflichen Bezahlung. Oktay bezahlt außerdem die Fahrzeiten zwischen Wohnort und Arbeit – Hin- und Rückfahrt. In der Branche ist das unüblich. Seine Rechnung: Vier Tage à acht Stunden ergeben 32 produktive Stunden pro Woche. Mit den bezahlten Fahrzeiten kommen rund acht Stunden hinzu. So kommen Mitarbeitende auf 40 Stunden in vier Tagen.
Kollegen in der Fünf-Tage-Woche haben entsprechend mehr bezahlte Stunden. Wer in manchen Wochen weniger arbeitet, sammelt die Differenz auf einem Arbeitszeitkonto. Die Fahrzeiten gleichen das über den Monat aus. „Das ist der entscheidende Punkt“, erklärt Oktay. „Die Fahrzeiten fallen ohnehin an – nur zahlen andere Betriebe sie nicht.“
Ein weiterer Pluspunkt: Zusätzlich stellt er seinen Mitarbeitenden Firmenfahrzeuge, die sie auch privat nutzen können.
Weniger Reklamationen, mehr Qualität, motivierte Mitarbeiter
Was hat der Handwerksbetrieb davon? „Vor allem bei der Mitarbeitersuche bringt uns das Modell viel“, sagt Oktay. Die Vier-Tage-Woche hätten nicht viele Betriebe, das spreche sich herum. Auch die Kunden, die den Großteil des Geschäfts ausmachen, reagieren positiv. „Wir werden oft gefragt: Gibt es die Vier-Tage-Woche bei Ihnen noch? Die Kunden unterstützen das.“
Ein Pluspunkt ist auch die Motivation der Mitarbeitenden. Den Unterschied spürt Oktay jeden Montagmorgen. „Die Kollegen, die freitags frei hatten, starten mit mehr Energie.“
Rechnet sich das auch für den Betrieb? Oktay sagt: ja. Nicht trotz der höheren Kosten, sondern wegen der positiven Effekte. „Wer mit klarem Kopf zur Arbeit kommt, liefert bessere Qualität.“ Im vergangenen Jahr musste der Betrieb nur einmal nacharbeiten – echte Reklamationen gab es keine. „Reklamationen kosten Zeit und Geld. Das sparen wir uns.“
Es kommt auf die Kundenstruktur an
Dass das Modell funktioniert, liegt auch an der Art den Kunden. Oktays Malerbetrieb arbeitet vor allem für Privatkunden. In seinem zweiten, auf Trockenbau spezialisierten Betrieb würde das nicht funktionieren. „Das sind Großprojekte, da bestimmen Projektleitung und Bauzeitenpläne den Takt“, erklärt Oktay.
Für Privatkunden lassen sich Termine flexibler koordinieren. Bei Großprojekten mit festen Fristen und vielen Gewerken ist das kaum möglich. „Man muss schauen, wo es passt. Im Malerbereich funktioniert es – weil unsere Kunden mitziehen.“
Passt ein flexibles Modell? Einfach mal ausprobieren
Was rät Oktay Kollegen, die über flexible Modelle nachdenken? „Seid offen für Neues. Probiert es aus. Es muss ja nicht jede Woche sein. Vielleicht zwei Mal im Monat vier Tage – um sich heranzutasten.“ Es werde immer Mitarbeitende geben, die das annehmen, und solche, die beim alten Rhythmus bleiben. „Genau darum geht es: die Wahl zu haben.“ Wer gute Leute finden und halten will, müsse heute mehr bieten als früher.

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