Der Chef als Vorbild: Was Mitarbeiter wirklich sehen
Sie wollen, dass Ihre Leute Ihre Regeln respektieren? Dann müssen Sie sie zuallererst selbst einhalten. Sonst verlieren Sie Ihre Glaubwürdigkeit.
Auf einen Blick
Der Tag beginnt früh im Betrieb, und alle sollten startklar sein. Schließlich wird doch der Chef nicht müde, Pünktlichkeit als Tugend und wichtigen Wert seines Unternehmens zu betonen: „Wir kommen pünktlich, arbeiten zuverlässig und schließen die Baustelle planmäßig ab.“
Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Das Team schafft es regelmäßig nicht rechtzeitig zu den Kunden. Mal liegt das Werkzeug nicht parat, mal müssen in allerletzter Minute noch Fragen geklärt werden, mal kommt jemand zu spät und mal dehnen die Mitarbeiter unterwegs die Mittagspause aus.
Der Chef steht vor einem Rätsel: Ständig ermahnt und meckert er, aber es ändert sich nichts. Hat er einfach das falsche Team? Ganz im Gegenteil, meint Führungscoachin Meike Müller: „Häufig liegt es am Chef.“ Viele Führungskräfte unterschätzten die Vorbildfunktion, die sie für ihre Mitarbeitenden haben. Dabei sei sie zentral für eine gute Führung. „Albert Schweitzer hat mal gesagt: Mit gutem Beispiel voranzugehen, ist nicht nur der beste Weg, andere zu beeinflussen, es ist der einzige“, zitiert Müller. „Das ist vielleicht sehr zugespitzt. Aber die Führungskraft als Vorbild hat ohne Zweifel maßgeblichen Einfluss“, ist sie überzeugt. Läuft es also im Betrieb schlecht mit der Pünktlichkeit, sollte sich der Chef fragen: Was lebe ich meinem Team eigentlich vor?
Warum unterschätzen Chefs Ihre Vorbildfunktion?
„Viele Führungskräfte, vor allem, wenn sie neu im Job sind, sind in Gedanken erstmal viel bei den Mitarbeitenden“, sagt Müller. Wie ist die Stimmung? Was braucht das Team? Welche Anschaffungen sind wichtig? Und natürlich: Wie können wir die Arbeit erledigen? „Die Frage nach ihren Überzeugungen und ihrer Wirkung auf die anderen stellen sie sich nicht.“
Dazu kommt, dass viele Handwerker in die Führungsrolle eher hineinrutschen, beschreibt die Trainerin die Situation: „Sie machen sich selbstständig, weil sie gute Handwerker sind. Dann wächst der Betrieb, und Führungsaufgaben müssten eigentlich immer mehr Raum einnehmen. Das ist aber vielen mitarbeitenden Chefs gar nicht bewusst.“
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Warum ist die Vorbildfunktion im Handwerk besonders wichtig?
In Handwerksbetrieben arbeiten Führungskraft und Team eng zusammen. „Das ist nicht wie im Konzern, wo ein Team seine Vorgesetzten nur selten bei der Arbeit erlebt“, betont Müller. Stattdessen sieht das Team jeden Tag, wie die Chefin sich gibt.
Ob im Kundenkontakt, im Umgang mit Material, im Konflikt mit einem Mitarbeitenden oder gegenüber Azubis und Praktikanten: „Werte werden im alltäglichen Verhalten sichtbar“, erklärt die Coachin. „Die Mitarbeitenden merken sofort, ob die Führungskraft das, was von anderen erwartet, auch selbst erfüllt.“
Die Folgen können massiv sein: Der Verlust von Respekt und Vertrauen demotiviert Mitarbeitende, was sich auf die Stimmung und die Qualität der Arbeit auswirkt. Schlimmstenfalls kündigen Ihre besten Fachkräfte oder der Betrieb gerät in wirtschaftliche Schwierigkeiten. „Sie dürfen als Führungskraft die Regeln aufstellen, nach denen sich alle richten müssen“, stellt Müller klar. Aber: „Wenn Sie sich selbst nicht an diese Regeln halten, wird sich Ihr Team fragen, wie wichtig diese Regeln sind.“ Oder anders ausgedrückt: Wer selbst keinen Helm auf der Baustelle trägt, muss sich nicht wundern, wenn es seine Mitarbeitenden mit den Sicherheitsvorschriften auch nicht so genau nehmen.
Wie schaffe ich es ein gutes Vorbild zu werden?
„Um als Führungskraft andere führen zu können, müssen Sie sich erstmal selbst führen können“, ist Müller überzeugt. „ Schauen also bei sich selbst: Welche Stärken habe ich? Was ist mir wichtig? Welche Werte möchte ich vermitteln? Welche Ziele verfolge ich? Wie stelle ich mir die Zusammenarbeit vor? Und nicht zuletzt: Vermittelt mein Auftreten im Betrieb, dass mir diese Werte wichtig sind?“
Wenn Sie diese Fragen für sich geklärt haben, passiere vieles fast von allein, sagt die Trainerin. „Es entsteht eine Klarheit in der Haltung und der Kommunikation: Sie agieren anders, haben eine andere Körperhaltung und eine andere Sprechweise.“
Das heißt nicht, dass Sie ab sofort keine Fehler mehr machen dürfen oder extrovertiert das Team bei Laune halten müssen. „Es kommt nicht auf die Persönlichkeit an: Wer introvertiert ist, muss nicht auf den Putz hauen.“ Stattdessen gehe es um Stimmigkeit: „Die Mitarbeitenden schauen: Passt das Reden zum Handeln“, betont die Coachin. Wer Weiterbildung fordert, darf selbst nicht stehen bleiben, und wer will, dass Mitarbeitende Fehler zugeben, darf für die eigenen nicht andere verantwortlich machen.
Die gute Nachricht lautet: Sie müssen nicht alles selbst machen. „Wenn Sie Ihre Stärken, aber auch Ihre Schwächen kennen, können Sie gezielt Aufgaben delegieren.“ Vielleicht hat die Bürokraft das bessere Händchen für die Sorgen der Azubis? Oder eine angestellte Meisterin kann besonders gut mit schwierigen Kunden? „Es können gute Lösungen daraus entstehen, wenn sich Führungskräfte ihre Defizite eingestehen“, sagt Müller. „Voraussetzung für all das ist aber, über das Thema auch ehrlich nachzudenken.“
Holen Sie das Team mit ins Boot
Wenn Sie für sich Werte und Ziele festgelegt haben, sollten Sie diese auch kommunizieren, um sie durchzusetzen. „Klären Sie vorab, was Sie mitteilen möchten und wie“, beschreibt Müller eine möglichen Weg. „Dann setzen Sie sich mit Ihrem Team zusammen, stellen Ihre Ideen vor und holen sich ein Feedback.“
Gleichzeitig kann sich auch Ihr Team einbringen, rät die Trainerin: „Fragen Sie: Was macht uns als Betrieb aus? Warum arbeitet Ihr gerne hier?“ Ein Teamtag kann die notwendige Zeit verschaffen, um sich mit diesen Werten auseinanderzusetzen und auch eine Vereinbarung oder ein Leitbild zu formulieren. „Wichtig ist dann, dass Sie dranbleiben. Überprüfen Sie sich regelmäßig und holen Sie sich Feedback vom Team, ob Sie und der Betrieb noch auf dem richtigen Weg sind“, betont Müller.
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