Zum 50. Jubiläum des UFH-Bundesverbands zieht die Vorsitzende Katja Lilu Melder Bilanz: Was Frauen im Handwerk erreicht haben und wo noch Chancengleichheit fehlt.
Der Bundesverband der Unternehmerfrauen im Handwerk (UFH) will den Austausch unter Frauen im Handwerk fördern – über die Arbeitskreise in den Regionen und die Landesverbände hinweg. Durch dieses deutschlandweite Netzwerk von Betriebsinhaberinnen, Frauen in Führungspositionen, Meisterinnen und Nachfolgerinnen sollen Themen, wie Fachkräftesicherung, Bürokratieabbau, Digitalisierung und Nachfolge schnell in die Praxis der Betriebe getragen werden.
Am 9. Und 10. Oktober 2026 feiern die Unternehmerfrauen im Handwerk auf ihrer Bundestagung in Thüringen das 50. Jubiläum des Bundesverbandes. Was haben die UFH in den vergangenen Jahren erreich? Was zeichnet das Netzwerk aus? Und wie geht es in Zukunft mit dem Verband weiter? Diese Fragen beantwortet die UFH-Bundesvorsitzende, Katja Lilu Melder, im handwerk.com-Interview.
handwerk.com: 50 Jahre Bundesverband der Unternehmerfrauen im Handwerk: Worauf sind Sie und ist der Verband heute besonders stolz?
Katja Lilu Melder: Wir sind vor allem darauf stolz, dass Frauen im Handwerk heute viel sichtbarer und selbstverständlicher sind als noch vor 50 Jahren. Unternehmerinnen, Meisterinnen, Betriebsnachfolgerinnen, Gründerinnen oder Frauen in Führungspositionen gehören heute zum Handwerk.
Welche Entwicklungen oder Erfolge haben das Handwerk für Frauen in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Melder: Dass Frauen im Handwerk heute selbstverständlicher sind – genau für diese Entwicklung haben sich Generationen von Unternehmerfrauen eingesetzt. Dabei ging es nie nur darum, Frauen einen Platz am Tisch zu geben. Es ging und geht darum, dass Frauen mitentscheiden, Verantwortung übernehmen und das Handwerk aktiv mitgestalten.
Heute sitzen Unternehmerfrauen in Kammern, Innungen, Verbänden und politischen Gremien. Diese Sichtbarkeit und Mitsprache ist ein großer Erfolg – auch wenn wir noch lange nicht am Ziel sind.
Wenn Sie auf fünf Jahrzehnte UFH zurückblicken: Welche Meilensteine waren aus Ihrer Sicht besonders prägend? Gab es politische Erfolge, gesellschaftliche Veränderungen oder Initiativen, die ohne das Engagement der Unternehmerfrauen so nicht passiert wären?
Melder: Ein entscheidender Meilenstein war für mich die Entwicklung vom früheren Bild der „mitarbeitenden Unternehmerfrau“ hin zur Unternehmerin und Entscheiderin auf Augenhöhe.
Die Unternehmerfrauen haben über Jahrzehnte dazu beigetragen, Themen wie soziale Absicherung, Altersvorsorge, Unternehmensführung, Betriebsnachfolge, Vereinbarkeit von Familie und Unternehmertum sowie die stärkere Beteiligung von Frauen in den Organisationen des Handwerks auf die Agenda zu setzen.
Vielleicht lässt sich nicht jede Veränderung einem einzelnen Verband zuschreiben. Aber eines ist sicher: Viele Themen wären ohne Frauen, die über Jahrzehnte hartnäckig ihre Stimme erhoben haben, nicht so früh und nicht mit dieser Konsequenz diskutiert worden.
Die Rolle von Frauen in Handwerksbetrieben hat sich gewandelt. Wo sehen Sie heute die größten Unterschiede im Vergleich zu den Anfangsjahren des Verbands?
Melder: Der größte Unterschied ist das Selbstverständnis. Frauen führen heute Betriebe, machen ihren Meister, gründen Unternehmen, übernehmen Betriebe und stehen selbst auf der Baustelle. Und trotzdem erleben wir immer noch Situationen, in denen eine Frau sich zunächst beweisen muss, während einem Mann Kompetenz selbstverständlich zugeschrieben wird.
“Viele Themen wären ohne Frauen, die über Jahrzehnte hartnäckig ihre Stimme erhoben haben, nicht so früh und nicht mit dieser Konsequenz diskutiert worden.”
Und welche Herausforderungen bestehen trotz aller Fortschritte weiterhin?
Melder: Die kenne ich auch aus meinem eigenen Berufsleben: Ich bin Meisterin und arbeite selbst auf Baustellen. Trotzdem erlebt man gerade in männerdominierten Bereichen immer wieder, dass zunächst der männliche Kollege angesprochen wird.
Deshalb brauchen wir weiterhin Sichtbarkeit, gute Rahmenbedingungen und vor allem echte Chancengleichheit. Wir müssen Mädchen und jungen Frauen viel früher zeigen: Das Handwerk steht euch offen – vom ersten Ausbildungstag bis zur Unternehmensführung.
Die Mitgliederzahlen der UFH gehen seit einigen Jahren zurück. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung? Und was muss ein Netzwerk heute bieten, um insbesondere jüngere Unternehmerinnen und Nachfolgerinnen zu gewinnen?
Melder: Wir müssen uns als Verband auch selbstkritisch fragen, ob unsere Angebote noch zu den Lebensrealitäten der Frauen passen. Junge Unternehmerinnen möchten sich vernetzen und engagieren, aber häufig anders als Generationen zuvor. Familie, Betrieb, Weiterbildung und Ehrenamt konkurrieren um eine begrenzte Ressource: Zeit.
Deshalb müssen wir moderner, digitaler und flexibler werden. Ein Netzwerk muss einen konkreten Mehrwert bieten – fachlich, persönlich und unternehmerisch. Gleichzeitig dürfen wir das Wichtigste nicht verlieren: den persönlichen Austausch und das Gefühl, Teil einer starken Gemeinschaft zu sein.
Unser Anspruch muss sein, nicht zu sagen: „So haben wir es immer gemacht“, sondern zuzuhören und gemeinsam mit der nächsten Generation zu entwickeln, wie die UFH morgen aussehen sollen.

Das Handwerk steht vor großen Aufgaben: Fachkräftemangel, Betriebsnachfolge, Digitalisierung und Bürokratie. Welche Themen stehen für die Unternehmerfrauen derzeit ganz oben auf der Agenda?
Melder: Für uns gehören Fachkräftesicherung, Unternehmensnachfolge, Digitalisierung und Bürokratieabbau ganz klar zu den zentralen Themen. Gleichzeitig müssen wir über Rahmenbedingungen sprechen, die es überhaupt ermöglichen, Verantwortung in einem Handwerksunternehmen zu übernehmen.
Ein enormes Potenzial sehe ich bei Frauen. Wir können nicht über Fachkräftemangel sprechen und gleichzeitig auf einen großen Teil der möglichen Fach- und Führungskräfte verzichten. Deshalb müssen wir mehr Mädchen für handwerkliche Berufe gewinnen, Frauen auf ihrem Weg zur Meisterin und Unternehmerin unterstützen und Nachfolgerinnen stärker fördern.
Für mich gehört außerdem Vielfalt dazu. Das Handwerk braucht Menschen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder einer Behinderung. Wir sollten viel stärker danach schauen, was jemand kann, statt zuerst zu sehen, was vermeintlich nicht geht.
Das 50-jährige Jubiläum des UFH-Bundesverbandes bedeutet auch 50 Jahre ehrenamtliches Engagement vieler Frauen. Was hat Sie persönlich in Ihrem Einsatz für die Unternehmerfrauen immer wieder motiviert?
Melder: Mich motivieren die Frauen selbst. Ich habe im Handwerk unglaublich starke Frauen kennengelernt, die Unternehmen führen, Familien organisieren, Arbeitsplätze schaffen, ausbilden und Verantwortung übernehmen – und häufig trotzdem viel zu wenig gesehen werden.
Ich komme selbst aus dem Handwerk und weiß, wie es sich anfühlt, sich in einer männerdominierten Branche behaupten zu müssen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir dieses Engagement so wichtig ist.
Ehrenamt bedeutet Zeit, Diskussionen und manchmal auch anstrengende Wege. Aber wenn wir möchten, dass sich etwas verändert, müssen wir bereit sein, selbst mitzugestalten. Ich möchte meine Stimme und meine Möglichkeiten dafür nutzen, dass die Frauen, die nach uns kommen, manche Kämpfe nicht mehr führen müssen.
Und vielleicht ist das für mich der schönste Gedanke zu 50 Jahren UFH: Wir bauen auf dem auf, was Frauen vor uns erkämpft haben – und wir tragen die Verantwortung dafür, den Weg für die nächste Generation ein Stück weiterzugehen.
Wenn wir uns in zehn Jahren zum 60-jährigen Jubiläum wieder sprechen: Was möchtet ihr bis dahin für Frauen im Handwerk erreicht haben? Welche Vision habt ihr für den Verband und für die nächste Generation von Unternehmerinnen im Handwerk?
Melder: Meine Vision wäre eigentlich, dass wir manche Diskussionen dann gar nicht mehr führen müssen. Dass eine Frau als Meisterin, Betriebsinhaberin oder auf einer Baustelle nichts Besonderes mehr ist. Dass Frauen in den Gremien und Führungspositionen des Handwerks selbstverständlich vertreten sind und Familie und Unternehmertum sich nicht gegenseitig ausschließen.
Für die UFH wünsche ich mir einen starken, modernen und generationenübergreifenden Verband, in dem die Erfahrung unserer langjährigen Mitglieder genauso ihren Platz hat wie die Ideen einer 25-jährigen Gründerin.
Und ich wünsche mir, dass eine junge Frau, die sich heute für das Handwerk entscheidet, in zehn Jahren nicht mehr gefragt wird, warum sie als Frau diesen Beruf gewählt hat – sondern nur noch, warum sie genau für diesen Beruf brennt.

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