Drachenrücken, Corsagen und Lampenfieber: Beim Bundeskongress begeistert der Maßschneider-Nachwuchs aus Hannover. Ein Blick hinter die Kulissen.
Die Nähmaschinen rattern geschäftig beim Besuch der Anna-Siemsen-Schule in Hannover. Der Raum der Maßschneiderschülerinnen ist kleiner als erwartet. Auf dem großen Tisch, der fast die Hälfte des Raumes einnimmt, liegen Stifte, Skizzen und Stoffe verteilt. Die Schülerinnen bereiten sich für ihre Modenschau „One Stage – Hannover inszeniert sich“ vor – die Eröffnung des 58. Bundeskongresses des Maßschneiderhandwerks.
Zu den Textilkünstlerinnen gehört auch Josie Schwänke, eine Auszubildende im zweiten Lehrjahr. Sie bahnt sich einen Weg durch den engen Raum und holt eine Schneiderpuppe hervor. “Diesen Blazer werde ich auf dem Bundeskongress vorstellen”, sagt die 18-Jährige. Aufgabe war es, ein Kleidungsstück zu einem vorgegebenen Thema anzufertigen: „Leben als Bühne“. Schwänke gibt der Schneiderpuppe einen Stups. Sie dreht sich und offenbart das geradezu leuchtende Herzstück des Werkes.
„Die größte Herausforderung war der Rücken. Ich musste alles per Hand annähern“, berichtet sie. Der mit einer Origami-Technik gestaltete Rücken des Blazers erinnert an die Wirbelsäule eines Drachen. Damit möchte Schwänke verdeutlichen, dass Menschen nicht alles glauben sollten, was sie sehen. „Ich liebe an der Mode, wie vielfältig sie sein kann. Wenn ich selbst nähe, habe ich die Freiheit, zu bestimmen, wie das Design am Ende aussieht“, erzählt die Abzubildende, während im Hintergrund ein Bügeleisen zischt.
Rund drei Monate hat Schwänke nach der Schule an ihrem Blazer genäht. Dabei besonders spannend für sie: das Design der spitzen Schultern. Diese verändern die Silhouette der Trägerin und geben ihr zugleich einen besonderen Twist.
Auch Noale Reichstein hat ein Design für „One Stage“ entworfen. Die 22-Jährige besucht die Maßschneiderausbildung an der Anna-Siemsen-Schule bereits im dritten Ausbildungsjahr. „Ich möchte schon, seit ich vier Jahre alt bin, Modedesignerin werden“, erklärt sie. Um mehr über die Gestaltung von Kleidung und die handwerklichen Prozesse hinter dem Schneiderhandwerk zu lernen, entschied sich Reichstein zunächst für die Ausbildung zur Maßschneiderin. „Wenn ich Kleidung besser verstehe, kann ich auch besser damit arbeiten“, betont sie.

Für die Modenschau hat die 22-Jährige ein Ballkleid, bestehend aus einer Corsage und einem Rock, entworfen. Ihr Unterthema lautet „Roleplay“, also Rollenspiel. „Meine Inspirationen für das Kleid waren das Revenge-Dress von Lady Diana und Black Swan“, erzählt Reichstein. Das besagte schwarze, schulterfreie Rachekleid der damaligen Prinzessin von Wales, Lady Diana, erhielt 1994 internationale Aufmerksamkeit. Sie trug es an jenem Abend, als öffentlich wurde, dass ihr damaliger Ehemann Prinz Charles seine Untreue eingestanden hatte. Das dramatische Ballett-Kostüm aus dem Hollywood-Film „Black Swan“ mit Natalie Portman hat mit Lady Dianas Kleid für Reichstein eines gemeinsam: Die Trägerinnen standen unter einem straken mentalen Druck. Die in ihrem Design gezeigte Weichheit könne gleichzeitig als Stärke gesehen werden.
Das Schneidern der Corsage war für die Nachwuchs-Designerin eine große Freude, aber auch eine große Herausforderung: „Ich wollte schon immer lernen, eine Corsage zu nähen“, erklärt Reichstein. Die Ösen am Rücken anzubringen, gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht. „Durch die vielen Stoffschichten haben die Metallösen zunächst nicht gehalten“, berichtet sie. Der Herstellungsprozess war ihr zufolge sehr aufwendig. So entstanden rund 80 Prozent des Kleides außerhalb der Schule.

Die Schülerinnen präsentieren ihre Arbeiten selbst als Model auf dem Laufsteg. Mit eigens einstudierter Choreografie.
Rund eine Woche vor dem Bundeskongress sind die Gefühle bei den beiden gemischt. „Ich bin schon aufgeregt, freue mich aber darauf, meine Designs zu präsentieren. Außerdem ist es immer etwas Besonderes, wenn Menschen mit den gleichen Interessen an einem Ort zusammenkommen“, sagt Schwänke. Reichstein empfindet aufgrund der vielen anderen Projekte etwas anders: „Noch kann ich mich nicht freuen, ich habe noch zu viele andere Gedanken im Hinterkopf. Ich glaube, wenn es dann so weit ist, ist die Freude da.“
Showtime! Der erste Tag des Bundeskongresses ist gekommen. Eineinhalb Stunden vor der Show herrscht reges Treiben am Campus Handwerk der Handwerkskammer Hannover in Garbsen. Im Backstage-Bereich bereiten sich die Schülerinnen und Schüler auf ihre Auftritte vor. In der einen Ecke sitzt eine junge Frau vor einem Handspiegel und schminkt sich für ihren Auftritt. Auf der anderen Seite helfen sich zwei angehende Maßschneiderinnen in die Corsagen hinein. Eine andere Schülerin versucht mit zitternden Fingern, die Knöpfe der Bluse zu schließen, und bekommt dabei Hilfe von einer Mitauszubildenden. Nicht nur die Schülerinnen wirken angespannt und aufgewühlt. Auch die Abteilungsleiterin für Textiltechnik und Bekleidung, Ursula Dreyer, lässt das Geschehen nicht kalt: „Ich bin immer mit aufgeregt“, erzählt sie.
Es erklingt endlich Musik und die Aufführung beginnt. Die Blicke des Publikums sind auf den Laufsteg gerichtet. Die erste Schülerin tritt hinter einer Wand hervor. Ihre Schritte folgen dem Beat. Dann taucht die nächste Künstlerin auf und die nächste und die nächste. Rund eine halbe Stunde lang präsentieren die Maßschneiderschülerinnen dem Publikum ihre handgefertigten Entwürfe. Als sie schließlich wieder hinter der Bühne verschwinden, ist ein Abfall der Anspannung deutlich zu merken. Es rollen Tränen der Erleichterung.
„Vor und während der Show war ich sehr aufgeregt, aber jetzt bin ich erleichtert und motiviert für die nächste Show“, resümiert Schwänke nach dem Auftritt. „Ich bin jetzt erleichtert, zum Glück waren nicht zu viele Menschen da“, zieht Reichstein Bilanz zu ihrem Schaulauf auf der Bühne. Für die 22-Jährige lief die Show besser, als sie erwartet hat.
Nach ihrem Abschluss möchte Reichstein im Modedesign arbeiten. Schwänke strebt nach der Ausbildung ihren Meister an und möchte sich dann in Richtung Braut- und Abendmode orientieren. „Mich interessieren inzwischen auch immer mehr Anzüge, besonders für Herren. Auch in diesem Bereich könnte ich mir eine spätere Spezialisierung vorstellen“, sagt die 18-Jährige.

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