Entlastungsprämie ist ein „Nackenschlag für die Betriebe“
Unternehmerin Melanie Kahle würde die Prämie nicht zahlen. Sie und zwei Handwerks-Kollegen sind entsetzt über den Vorschlag der Regierung – und machen Gegenvorschläge.
Angesichts der hohen Energiepreise will die Bundesregierung Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer entlasten. Deshalb sollen Arbeitgeber die Möglichkeit erhalten, ihren Beschäftigten 2026 eine steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie in Höhe von 1.000 Euro zu zahlen. Dieses Vorhaben stößt nicht nur bei Handwerksverbänden auf große Kritik, sondern auch bei Unternehmern aus dem Handwerk.
„Eine Mehrwertsteuersenkung wäre effizienter“
„Der Vorschlag der Bundesregierung, meinen Mitarbeitern 1.000 Euro Entlastungsprämie zu zahlen, ist ein Nackenschlag für die Betriebe, die die Wirtschaft hoch und mit ihren Steuern das Land am Laufen halten“, sagte Melanie Kahle, Geschäftsführerin von Stolberg Bedachungen in Göttingen. Als Inhaberin würde sie bei solchen Entscheidungen gerne mal gefragt werden, bevor so etwas über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Eine Mehrwertsteuersenkung hält Kahle für viel effizienter, da diese die Wirtschaft mehr ankurbelt „als eine 1.000-Euro-Prämie, die bei den jetzigen Teuerungsraten eh nur verpufft“.
Die Unternehmerin betont, sie werde die Prämie nicht zahlen. Eine Auswahl an Gründen nennt sie auch: Durch die lange Winterzeit mit fast acht Wochen Schnee und dem damit verbundenen Saison-Kurzarbeitergeld, seien die Verluste bis Ende Februar enorm gewesen. „Wenn du nicht arbeiten kannst, verdienst du auch nichts - bezahlst aber trotzdem deine Mitarbeiter“, sagt Kahle. Die steigenden Spritpreise machten dem Betrieb zudem das Leben schwer, auch die 17 Cent Steuerersparnis seien keine Hilfe.
Ein weiterer Grund seien Preissteigerungen bis zu 60 Prozent bei Materialien, die auf Erdölbasis basieren - beispielsweise Polystyrol-Dämmung oder Bitumenbahnen. Die könnten sie nur bedingt oder gar nicht an Endkunden weitergeben, da Angebote meist bindend seien. „Das heißt im Umkehrschluss: Hier ist nicht nur mit Verlust zu rechnen, sondern auch mit Einbußen“, betont Kahle. Kunden würden mittlerweile von bereits erteilten oder noch zu erteilenden Aufträgen Abstand nehmen, wenn es um die Kostenübernahme als neue Verhandlungsbasis geht. Im Vergleich zum Vorjahr habe der Betrieb im ersten Quartal 2026 Einbußen von mehr als 40 Prozent aufgrund der Teuerungsraten und den Arbeitsausfällen. „Wie soll ich da eine Entlastungsprämie zahlen, wenn ich keinen Dukatenesel im Keller habe“, fragt Melanie Kahle.
“Wir sind in der Orthopädieschuhtechnik an längerfristige bestehende Krankenkassen-Verträge gebunden und haben damit keinen finanziellen Spielraum.”
„Das Geld ist nicht einfach übrig“
„Erstaunlich, wie sich das die Politik vorstellt“, sagt Orthopädieschuhmachermeister Claus Kopp aus Osterode im Harz. „Wir sind in der Orthopädieschuhtechnik an längerfristige bestehende Krankenkassen-Verträge gebunden und haben damit keinen finanziellen Spielraum.“
Kopp denkt, dass er die Prämie zunächst nicht zahlen wird. Als kleines Handwerksunternehmen könne er diesen zusätzlichen Betrag nicht „zwischendurch“ erwirtschaften. Im Betriebsalltag müsse er sowieso schon „Krankenstände, hohes Arbeitsaufkommen und zunehmende Bürokratie ausgleichen“. Diese große Summe müsste erst „erarbeitet“ werden und sei nicht einfach “übrig“.
„Das Wort „Prämie“ beinhaltet für mich eine Art Belohnung für besondere Leistungen. Hier wünsche ich mir mehr Informationen, wie ich die 1.000 Euro individuell und flexibel einsetzen kann, so wie mein Betrieb das zulässt“, resümiert der Geschäftsführer der Kopp und Minne OST GmbH.
“Zulasten der Unternehmer werden Geschenke gemacht. Aber unsere Kunden schenken uns nichts – wir müssen dafür eine Leistung erbringen.”
„Wir können keine Geschenke machen“
„Wenn der Staat Geschenke auf Kosten der Betriebe macht, heißt das noch lange nicht, dass wir sie auch umsetzen können und wollen“, sagt Jörg Stichnoth, Geschäftsführer der Goldschmiede Stichnoth in Hannover. Selbst wenn es die wirtschaftliche Lage erlauben würde, wäre er nicht bereit, die Prämie zu zahlen. „Noch immer kämpfen wir mit den Folgen der Corona-Hilfen, weil sie nicht richtig erstattet worden sind“, berichtet der Unternehmer.
Es sei nicht fair, dass Fehler der Politik erneut auf dem Rücken der Betriebe ausgetragen werden. „Zulasten der Unternehmer werden Geschenke gemacht. Aber unsere Kunden schenken uns nichts – wir müssen dafür eine Leistung erbringen“, sagt Stichnoth. Er schließe nicht aus, dass Mitarbeitende dennoch nach der Prämie fragen werden.
Aus seiner Sicht gibt es wirksamere Mittel, die Betriebe und deren Beschäftigten zu unterstützen: Stichnoth nennt beispielweise die Senkung der Lohnsteuer oder die der Sozialversicherungsbeiträge. Die Kosten, die Handwerksbetriebe schultern müssten, seien zu hoch. Das müsste seiner Meinung nach noch viel öfter betont werden.

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