KI im Handwerk: Drei Betriebe zeigen, wie es geht
Wie können Handwerksbetriebe KI ganz konkret nutzen? Drei Praxisbeispiele zeigen, wie Unternehmen mit Datenanalysen, Chatbots und automatisierten Prüfprozessen Zeit und Aufwand sparen.
Auf einen Blick
Künstliche Intelligenz kann helfen, Abläufe zu vereinfachen, Personal zu entlasten und Entscheidungen datenbasiert zu treffen – auch im Handwerk. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigte das Webinar „Vom Denken zum Machen – KI-Praxisprojekte aus dem Handwerk“ des Mittelstand-Digital Zentrums Berlin. Drei Beispiele aus unterschiedlichen Branchen im Handwerk zeigten, wie vielseitig künstliche Intelligenz im Handwerk eingesetzt werden kann – und wo noch Herausforderungen liegen. Rund 100 Teilnehmende ließen sich von ihnen inspirieren.

Daten statt Bauchgefühl: KI in der Bäckerei
Die Bäckerei Fickenschers Backhaus präsentierte, wie sich Tradition und Technologie verbinden lassen. „Wir nutzen eine KI-gestützte Verkaufsprognose, um Routineentscheidungen zu automatisieren – etwa, wenn Fachverkäuferinnen am Nachmittag entscheiden müssen, welche Produkte noch nachgebacken werden sollen“, erklärte Geschäftsführer Andreas Fickenscher. Grundlage dafür sei Vertex AI, eine KI-Plattform von Google, die historische Verkaufs- und Kassendaten des Betriebs auswertet und daraus Empfehlungen für tägliche Backmengen ableitet.
„Das System funktioniert unabhängig vom ERP-System, was es flexibler macht“, führte Fickenscher weiter aus. Die KI sei also nicht fest in die bestehende Verwaltungssoftware integriert, sondern laufe als eigenständige Anwendung parallel. Sie soll die Daten lediglich nutzen oder einlesen. Der Betrieb müsse so nicht seine gesamte IT-Struktur umbauen oder neue Lizenzen kaufen.
Der Weg dorthin sei allerdings nicht einfach gewesen – seit 2016 arbeitet der Betrieb bereits daran, seine Prozesse zu digitalisieren: Erst müssten alle relevanten Daten gesammelt und sinnvoll strukturiert werden. Ebenso wichtig sei es gewesen, das Team auf die Veränderungen vorzubereiten. „Wir haben schnell gemerkt, dass Digitalisierung nur funktioniert, wenn die Mitarbeitenden mitziehen“, sagte Fickenscher. So habe die Bäckerei viele Abläufe von der Nacht in den Tag verlagert, um die die Motivation der Mitarbeitenden zu steigern – und damit die Bereitschaft, sich auf neue Prozesse einzulassen.
„Der Aufwand lohnt sich nicht für jeden Betrieb“, betonte der Bäcker- und Konditormeister. Bei 110 Mitarbeitenden und neun Fachgeschäften verfüge das Backhaus über ein Datenvolumen, bei dem sich eine solche Lösung auszahlt. Andere Bäckereien sollten daher prüfen, ob ihre eigene Größe und Struktur für ein größeres KI-Projekt geeignet ist und wo es im Betriebsalltag einen echten Vorteil bringt.
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Chatbot mit Entwurfsfunktion in einer Tischlerei
Auch die Niedersächsische Tischlerei Dein Freund verlässt sich längst auf digitale Strukturen. Geschäftsführerin Anke Freund demonstrierte einen Chatbot, der Kunden aktiv einbindet und den Entwurfsprozess von Möbelstücken automatisiert. Bereits 2023 habe sie begonnen, sich intensiver mit generativer KI zu beschäftigen.
„Der Auslöser war ein konkreter Auftrag – eine Kundin wollte einen Weihnachtsbaum aus Holz. Wir haben gemeinsam erste Varianten mit der Bilder-KI Midjourney visualisiert. Da entstand die Idee, diesen Entwurfsprozess zu automatisieren und für alle Kunden zugänglich zu machen“, erinnert sich Freund. Das Ergebnis ist der Chatbot „Smart Advisor“, der auf ChatGPT und der Bild-KI Dall-e basiert.
„Wir haben den Chatbot auf der Website implementiert und auf unsere Prozesse trainiert. Er kommuniziert mit den Kunden, stellt Rückfragen und führt sie durch den Prozess“, erklärte die Geschäftsführerin. Dadurch würden am Ende Entwürfe entstehen, die für die Tischlerei auch umsetzbar sind.
„Für uns bedeutet das weniger manueller Aufwand und wesentlich mehr Zeit für effiziente Planung“, so Freund. Unterstützt wurde das Projekt durch eine regionale Wirtschaftsförderung.

Betriebsmittelverwaltung per KI
Bastian Strauß, Geschäftsführer der Wolf & Strauß GmbH zeigte, wie KI die Handwerksbetriebe im Bereich Arbeitssicherheit entlasten kann. Er stellte die Plattform Lizard vor: eine Lösung, die komplexe Betriebsmittelverwaltung automatisiert und für Handwerksbetriebe praktikabel macht.
In Gewerken, wie etwa dem Gerüstbau, müssten tausende Betriebsmittel geprüft, dokumentiert und sicher verwaltet werden. „Allein in einem größeren Betrieb haben wir bis zu 9.000 Leitern, die geprüft und dokumentiert werden müssen“, erklärte Strauß.
In der Praxis führe das häufig zu organisatorischen Engpässen: „Prüfberichte stapeln sich in Ordnern und PDFs und selbst digitalisierte Abläufe – etwa über Datenbanken wie SharePoint – erzeugen bei großen Mengen schnell unübersichtliche Datenberge“, so der gelernte Betonbauer.
Ein zentrales Merkmal der Plattform sei ihre offene Architektur. Lizard sei „Schnittstellen-first“ entwickelt worden – also so, dass andere Systeme über APIs angebunden werden können. „Die KI arbeitet dabei nicht im System selbst, sondern außerhalb und steuert Lizard über diese Schnittstellen“, erklärte Strauß. Im Hintergrund entstehe so eine strukturierte Datenbasis, mit der die KI arbeitet. „Wir wollten ein System bauen, das nicht nur für uns funktioniert, sondern auch für die Betriebe, die mit uns zusammenarbeiten. So kann man etwa externe Prüfdienstleister zu der Plattform einladen und am gleichen Datenstand arbeiten“, so der Unternehmer.
Wie die KI im Alltag unterstützt, zeigte Strauß am Beispiel eines Feuerlöschers. Prüfprotokolle, die sonst manuell erfasst und zugeordnet werden müssen, könnten in Lizard einfach importiert werden. Die KI lese Angaben wie Standort, Hersteller oder Seriennummer automatisch aus und ordne sie dem passenden Betriebsmittel zu.
„Korrigierte Fehler fließen in das Modell zurück – die KI lernt so mit der Zeit dazu“, ergänzte Strauß.
Auch der Zugriff vor Ort ist pragmatisch gelöst: „Betriebsmittel lassen sich per QR-Code direkt am Gerät aufrufen – mit dem Einscannen erscheinen alle Informationen, ohne eine zusätzliche App installieren zu müssen“, erläuterte er weiter.
Zum Schluss gab Strauß einen Ausblick: „Künftig wird der Feuerlöscher selbst melden können, ob er geprüft ist.“ Details sollen noch ausstehen, doch das Ziel sei ein vollständig automatisierter Feedback-Kanal, der an die Anwendung angebunden ist.
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