Ein Schützenvogel soll nicht zu früh fallen – und genau darin liegt die Kunst. Tischlermeister Frank Wüller erklärt, worauf es beim Bau ankommt.
Mit einer Spannweite von bis zu 90 Zentimetern und einer Höhe von 80 bis 90 Zentimetern sitzt der Holzvogel in zehn Metern Höhe im Fangkorb des Schützenvereins Gesellschaft Concordia Horstmar. Mitglied in dem Schützenverein ist Tischlermeister Frank Wüller. Der 58-Jährige baut seit über 40 Jahren den Vogel für seinen Verein. „Ich habe mit 18 Jahren angefangen“, berichtet Wüller. Auch die vorherigen Generationen des 180 Jahre alten Familienbetriebs haben die Gesellschaft Concordia mit dem hölzernen Vogel ausgestattet. Der Betrieb, der eigentlich auf Massivholz- und hochwertige Tische und Badmöbel spezialisiert ist, fertigt inzwischen auch für vier weitere Vereine Schützenvögel an.

Gebaut wird der Vogel aus Nadelholz. Die einzelnen Teile werden mit einer Art Schablone ausgeschnitten und dann verbunden. Damit der Rumpf stabiler ist und der Vogel nicht zu früh fällt, werden zwei Lagen zusammengeleimt. „Der Kopf und Rumpf werden zusammengesteckt und dann verleimt“, erklärt der Tischlermeister. „Wichtig ist, dass ich keine Nägel oder anderes Metall benutze, da sonst die Munition gefährlich abgelenkt werden könnte.“

Etwa eineinhalb Stunden braucht Wüller für einen einfachen Schützenvogel. An der schmuckvollen Variante mit Zepter und Reichsapfel arbeitet der Tischler bereits seit zwei Stunden. „Mir macht die Arbeit einfach Spaß. Man arbeitet viel mit der Hand, so wie früher“, betont Wüller.
Ein Schützenvogel hält immer für ein Schützenfest beziehungsweise ein Schießen. Wann der Vogel fällt, hängt zum Teil von der Rumpfstärke ab. Bei sechs Zentimetern hält die Holzfigur für rund 80 bis 90 Schuss. Ein sieben Zentimeter starker Rumpf hält zwischen 90 und 100 Schuss. Bei einer Rumpfstärke von acht Zentimetern fällt das Objekt der Begierde nach rund 110 bis 120 Schuss. Wer den Vogel von der Stange befördert, wird Schützenkönigin oder -könig. Doch wenn das Holz nicht massiv genug ist, kann der Vogel zu früh fallen. „Am Anfang haben wir den Rumpf noch aus einem Stück gesägt“, erzählt Wüller. „Bei einem meiner ersten Vögel war das Holz im Inneren wohl hohl und er ist viel zu früh gefallen“, erinnert sich der 58-Jährige.
Eine Wiederverwendung des Holzes ist nicht möglich. Wird der Vogel richtig getroffen, bleiben nur noch Stücke übrig. „Nach dem Schießen dürfen die Kinder dann die Reste aufsammeln und mitnehmen“, berichtet der Tischlermeister. Dem Betriebsinhaber wäre es eine Freude, diese Tradition auch an die nächste Generation weiterzugeben.