Die Sanifluenzer aus Ostfriesland
Digitalisierung, Podcast, 4-Tage-Woche, Social Media und ein Versorgungsmobil: Merle Janssen und Jenny Hackhe gehen in ihrem Sanitätshaus neue Wege.
Auf einen Blick
Mitte Januar haben Merle Janssen und Jenny Hackhe offiziell die Übernahme des Familienunternehmens von ihrem Vater verkündet. In einem Reel auf Instagram haben sie den Moment mit Fans und Followern des Sanitätshauses Janssen aus dem ostfriesischen Emden geteilt.
In der Beschreibung auf Instagram nennen sich die Schwestern „Deine Lieblings-Sanifluenzer aus Ostfriesland“ und machen „Orthopädie & Co – aber in cool“. Wer dem Account folgt, merkt schnell, dass sie sich selbst nicht so ernst nehmen und mit ihrem Humor punkten. „Bei jungen Menschen ist das ein wichtiger Kanal“, betont Jenny Hackhe. „Sie bekommen einen authentischen Einblick in unseren Arbeitsalltag.“ Die Ideen kommen meist spontan. An der Planung und Umsetzung der Inhalte sind immer beide Frauen beteiligt.
Ausreichend Zeit für die Übergabe des Familienbetriebs
Dieser emotionale Moment, den sie im Januar bei Instagram gezeigt haben, sei der Abschluss ihres Übernahmeprozesses gewesen. Bereits seit 2021 sind beide Schwestern mit in der Geschäftsführung des Sanitätshauses. „Der Betrieb war das Ein und Alles unseres Vaters, über 30 Jahre war er selbstständig“, berichtet Merle Janssen.
Sie selbst habe zunächst nicht darüber nachgedacht, in den Betrieb einzusteigen. Ihr Vater habe nie Druck gemacht, sich aber immer über ihr Engagement gefreut. Erst als ihr Traum von einer Karriere als Krankenschwester platzte, schaute sich die heute 35-Jährige nach Alternativen um. Schließlich begann Janssen als Kauffrau im Gesundheitswesen eine Ausbildung im elterlichen Betrieb. Dabei lernte sie vom Büro über die Werkstatt und den Laden alle Unternehmensbereiche kennen.
Jenny Hackhe hingegen arbeitete nach ihrer Ausbildung als Bankkauffrau über Jahre im Prozessmanagement. Erst in ihrer Elternzeit 2017 arbeitete sie stundenweise in dem Handwerksbetrieb mit – das brachte ihr „einen ganz neuen Einblick“, beispielsweise in den Finanzbereich und die Buchhaltung. Damals schon reiften erste Ideen gemeinsam mit ihrer Schwester.
„Wir waren immer sehr ehrlich zueinander. Dazu zählte auch, dass wir unsere Kinderwünsche offen thematisierten“, sagt Hackhe. Über die Vereinbarkeit von Familie und Firma wurde viel gesprochen. Mit einem Plan für die Zukunft, der aufgehen kann, holten sie ihren Vater mit ins Boot.
“Wir machen Orthopädie & Co – aber in cool”
Sanitätshaus Janssen: Alte Strukturen auf den Kopf gestellt
Wie stellen wir uns zukunftsfähig auf? Das sei die wichtigste Frage der Nachfolgerinnen gewesen. Ihnen wurde klar, dass sie Strukturen hinterfragen und umkrempeln würden. „Unser Vater hat unserem Konzept zugestimmt und uns von Tag eins an alle Freiheiten gelassen“, berichtet Hackhe. Vor knapp sechs Jahren startete somit der „Umbau“ des Handwerksbetriebs. Noch heute kommt ihr Vater mehrmals in der Woche in den Betrieb und kann seine handwerklichen Fähigkeiten einsetzen. „Es herrscht große Dankbarkeit darüber auf beiden Seiten“, sagt Merle Janssen.
Was haben die Schwestern konkret verändert? „Wir haben viel Energie in das Personalwesen gesteckt“, erklärt Jenny Hackhe und nennt einige Beispiele: Anpassung der Arbeitszeit auf 37 anstatt 40 Stunden, Angebot der 4-Tage-Woche und Homeoffice sowie die Schaffung einer zweiten Führungsebene. Zudem passten sie die Öffnungszeiten an. „Wir wollten mehr Benefits für unsere Mitarbeitenden schaffen“, betont die 37-Jährige. Zur Umstrukturierung gehörte auch die Trennung von einigen aus dem Team, die den Weg nicht mitgehen wollten. „Es gibt Menschen, die Probleme mit Veränderungen oder weiblicher Führung haben“, sagt Hackhe.
Fast alles ist bereits digitalisiert
Viel Zeit sei auch in die Investition und Umstellung der IT-Infrastruktur geflossen. „Von der Telefonanlage über das E-Mail-Management bis hin zu Microsoft Teams und einem IT-Sicherheitskonzept musste alles neu aufgebaut werden“, berichtet Hackhe. Mittlerweile arbeiten die Techniker mit Tablets, Lieferscheine werden digital unterschrieben und die Kommunikation mit Kunden und Partnern läuft digital.
„Die Mitarbeitenden haben ordentlich mit angepackt. Zu unserer Freude waren sie den technischen Veränderungen gegenüber positiv eingestellt“, berichtet Janssen.
Was die Unternehmerinnen hingegen ärgert: Als Hilfsmitteldienstleister sind sie bislang nicht an die digitalen Verordnungen der Krankenkassen angeschlossen, so wie es bei den Ärzten der Fall ist. „Das ist ein riesen Thema. Wenn das behoben wäre, könnten wir ausschließlich digital arbeiten“, sagt Jenny Hackhe.


Mobiler Service für Kunden auf dem Land
Für ein weiteres Thema in der Branche – viele Menschen schaffen es auf dem Land nicht mehr, in die Filialen zu kommen – haben die Schwestern eine Lösung geschaffen. Neben den Filialen in Emden und Norden fährt die „Dörpflitze“, ein Versorgungsmobil, Kunden und Therapieeinrichtungen in Ostfriesland und Norderney an, um Hilfsmittel dorthin zu schaffen, wo sie gebraucht werden. Auch der Draht zu den Menschen mit teilweise wenigen Sozialkontakten sei dabei ein wichtiger Aspekt.
„Aus unseren langjährigen Hausbesuchen und dem Netzwerk mit anderen Kollegen und Therapeuten ist diese Idee entstanden“, berichtet Merle Janssen. Ziel sei es, feste Strukturen zu schaffen und langfristig eine Vollversorgung zu erreichen. „Die Kunden schätzen den Service und wir schaffen damit ein Alleinstellungsmerkmal für unser Unternehmen“, betont sie. Auch in den sozialen Netzwerken zeigen die Schwestern die Arbeit der Mitarbeiterin Cara, deren Stelle sie extra dafür geschaffen haben.
„Unter Schwestern“: Podcast gibt Einblick in Arbeit und Privatleben

Was die Branche und die Unternehmerinnen umtreibt, kann man in ihrem Podcast „Unter Schwestern“, hören, den sie seit Anfang 2024 veröffentlichen. „Wir geben dort viel Persönliches preis, beispielsweise über den Spagat zwischen dem Unternehmerinnen-Dasein und dem Leben mit kleinen Kindern, aber auch, wie wir als Chefinnen ticken“, sagt Jenny Hackhe. In den Folgen, die etwa alle vier bis sechs Wochen erscheinen, greifen sie auch Themen wie Frauen in Führungspositionen oder Kündigungen im Betrieb auf. „Der Podcast ist eine tolle Referenz. Fast jeder Bewerber berichtet im Bewerbungsgespräch, dass er ihn kennt“, berichtet Hackhe.
Mit ihrem Konzept aus Social-Media-Präsenz, Vor-Ort-Service und Podcast wollen sie zeigen, wie modern Reha- und Orthopädietechnik sein kann – und dass Authentizität für sie oberste Priorität hat. „Wir bauen jetzt etwas auf, das die Leute von übermorgen interessiert“, fassen die Schwestern ihre Unternehmensstrategie zusammen.

Von Betrieben lernen
Andere machen es vor. Nutzen Sie deren Erfahrungen.
Unser Newsletter zeigt Ihnen, was in Ihrem Gewerk funktioniert – praxisnah, kompakt und regelmäßig geliefert.
-1-square.jpg)



