Der Tag geht, der Druck kommt
"Vom Leben gefickt"
Burnout im Handwerk: Dass die Politik eine Mitschuld an seiner Krankheit trägt, sagt ein betroffener Unternehmer. Ein ungewöhnlich offenes Interview.
In der vergangenen Woche hatten wir kurz über Holger Bachsmann (Name von der Redaktion geändert) und seine Krankheit berichtet. Hier das komplette Interview mit dem 40-Jährigen.
Angenommen, Sie müssten Ihrer Krankheit eine Überschrift geben, wie würde die lauten?
Bachsmann: Vom Leben gefickt.
Das klingt heftig. So heftig wie die Burnout-Symptome?
Bachsmann: Ja, Sie können nicht mehr, sind kraftlos, müde, am Ende, haben keine Energie, sind einfach leer – Sie sind ausgebrannt. Burnout ist ein Erschöpfungssyndrom. Sie sind erschöpft von ihrem Handeln, Sie lieben nicht mehr, was Sie tun. Sie rennen durch ein Hamsterrad und denken, dass Sie sich nur in einer schwierigen Phase befinden. Dann versuchen Sie, fehlende Glücksgefühle durch andere Glücksgefühle zu betäuben. Alkohol, Drogen, vielleicht sogar noch mehr Arbeit, das sind alles Möglichkeiten – und lauter Trugschlüsse.
Das Johnnie Walker-Syndrom: Der Tag geht, der Druck kommt – lesen Sie Seite 2.

9 Kommentare zu ""Vom Leben gefickt""
Therapie des Burnout-Syndroms ?
Schaue ich ins Internet, was dort zum Thema Burnout-Behandlung geschrieben steht, dann bin ich erschrocken. So wenig findet man.
Zwei Hinweise fand ich bemerkenswert: Zitiert aus ( http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/burnout.htm ) "Zur Therapie des Burnout-Syndroms gibt es trotz zahlreicher Einzelhinweise bisher kaum gesichertes Wissen. Am effektivsten ist und bleibt eine individuell angepasste Behandlung."
Zudem: Zitiert aus: ( http://www.burnout-fachberatung.de/burnout-syndrom.htm#Burnout-Behandlung ) Allgemeine Ratschläge wie: "Lernen Sie Nein zu sagen" oder "Achten Sie auf den nötigen Ausgleich" kratzen ebenso nur an der Oberfläche wie Yoga, progressive Muskelentspannung oder andere Entspannungstechniken. Die eigentliche Ursache bleibt unberührt!
Medikamente können ("können"!) bei der Burnout-Behandlung unterstützend eingesetzt werden. Und zwar dann, wenn sie zur psychischen Stabilisierung beitragen und den Betroffenen in die Lage versetzen, sich der eigentlichen Behandlung des Burnout-Syndroms, bzw. der Therapie zuzuwenden. Eine Behandlung des Burnout-Syndroms mit Medikamenten ist nicht zielführend, da Medikamente lediglich die Symptome des Burnout-Syndroms eindämmen. Die eigentliche Ursache bleibt unangetastet. Aus diesem Grund empfehlen wir, soweit wie möglich auf Medikamente zu verzichten, bzw. sie in der Therapie nur zur Stabilisierung für die eigentliche Behandlung einzusetzen.
Coaching oder Therapie? / ambulant oder stationär? Eine stationäre Behandlung ist möglich. Allerdings sollten Sie mit langen Wartezeiten rechnen und nicht mit einer "Wunderheilung". Eine längere Auszeit, in der Sie sich voll und ganz auf sich selbst konzentrieren können, kann zwar helfen, die Herausforderung liegt dann allerdings im beruflichen Wiedereinstieg. Vieles von dem, was Sie während des stationären Aufenthalts in einer Klinik gelernt haben, muss sich nun im Alltag bewähren. Dies gelingt nicht immer, so dass die Gefahr besteht, wieder in alte Muster zu verfallen. Wir empfehlen aus diesem Grund ein Coaching für den beruflichen Wiedereinstieg.
Hallo Herr Stromberg und Shackleton, genauso reden meine Bekannten und sogar Freunde auch. Wenn sie wüsten und sich vorstellen könnten, welche Gedanken uns quälen (mal mehr, mal weniger). Ich wünsche keinem diese Krankheit!
Schluss mit dem Burnout-Gejammer! (???)
Hallo Bernd (Stromberg),
hier eine kleine Provokation. Vielleicht hast Du ja Recht. Nicht alles ist Burnout? Vieles sind erst einmal nur ernstzunehmende Anzeichen. Verstecken wir uns nicht zu viel hinter dieser Erscheinung? Ich möchte diese Krankheit auf keinen Fall klein-reden, fand aber einen Artikel aus Spiegel-Online dazu lesenswert.
http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,797368,00.html
Wenn ich mich mal selbst zitieren darf: „Burnout – der Becker. Ausgebrannt! Natürlich Kokolores, denn um ausgebrannt zu sein, muss man erst mal brennen – und der Becker hat nicht mal geglimmt.“
Erinnert mich alles an den Spruch: Ich brauche keinen Sex, ich werde vom Leben gefickt.
Der Weg in eine Rehabilitation geht aber nur über einen Psychiater. Und der Weg dorthin ist (noch) sehr schwer. Ich bin den Weg gegangen und habe eine Kur beantragt. Bin gespannt, wie es mir ergehen wird. Denn, nur durch Lesen des Beitrages wird man nicht gesund.
Und jetzt? Notbremse ziehen!
Herzinfarkt, Magengeschwüre, Schlaganfall. Und jetzt Burnout. Sind wir anfälliger geworden, können wir dem Druck unseres Alltages nicht mehr standhalten? Wir haben uns zu einem Freizeitparadies entwickelt, melden die Medien. Aber das widerspricht doch den Krankheitsbildern.
Auch ich möchte mich als angeschlagen outen. Wegen bösartigen Drehschwindel- Attacken wurde ich komplett arbeitsunfähig. Etliche Projekte musste ich absagen. Diagnose nach dem 3. Krankenhausaufenthalt war "Basilarismigräne". Angeblich ist dies rein körperlich und hätte mit meiner Überlastung nichts zu tun. Als ich dies annähernd in den Griff bekam, entwickelten sich meine herkömmlichen Kopfschmerzen zu Cluster-Kopfschmerzen. "Cluster-Kopfschmerzen zählen zu den schlimmsten Körperqualen, die ein Mensch ertragen kann", lese ich im Internet. "Selbst stärkste Präparate wie Morphium oder Opiate kommen gegen Cluster-Kopfschmerz nicht an". Der Hypothalamus im Gehirn verhindert, dass der Schmerz bekämpft werden kann. Wunderbar. Und jetzt? Notbremse ziehen! Denn mehr geht nicht mehr.
Der Artikel spricht mir aus der Seele, Mann glaubt die Probleme hat man nur alleine. Wenn mann aber so einen Bericht liest, stellt man fest, das es andere Unternehmer gibt, die das selbe durchgemacht haben oder gerade durchleben. Bin selber 44 Jahre alt und leite seit fast 19 Jahren einen Handwerksbetrieb mit 27 Mitarbeitern. 19 Jahre lang mit Höhen und Tiefen. Und im Augenblick habe ich das Gefühl, das nix mehr geht. Mein Körper schaltet langsam ab. Ich quäle mich morgens aus dem Bett und mir ist den ganzen Tag schwindelig. Obwohl mein Unternehmen gute Aufträge hat und alles geordnet läuft. Das "NEIN" sagen sollte ich besser schnellstens mal lernen. Vielen Dank für diesen Bericht.
Ein lautes "Ja!" zum lauten "Nein!" Wir haben für diese Einsicht auch lange gebraucht. Dabei sollte man sich als Handwerker schon klarmachen, dass man nicht als Bittsteller vor seinen Kunden stehen und um Aufträge buhlen muss, sondern auch ein Kunde sich glücklich schätzen kann, einen kompetenten Handwerker für seinen Auftrag zu gewinnen. Diese innere Einstellung hilft uns.
Danke für das erfrischend ehrliche Interview!