Bevor sie einen Platz im Regal bekommen, müssen Lacke erst in die „Folterkammer“. Doch was taugen die Versprechen der Produkthersteller wirklich?
von Martina Jahn
Im „Weather-ometer“ geht es turbulent zu. Mal herrscht tropische Hitze, dann wieder sibirische Kälte. Wenige Minuten später ist es feucht, dann trocken, dann gießt es in Strömen. Das Weather-ometer ist eine Maschine, mit der sich die Einflüsse von Wind und Wetter in Zeitraffer reproduzieren lassen.
Ausgesetzt sind diesen Strapazen nicht etwa Menschen, sondern zahlreiche Lacke und Lasuren. Jeder Hersteller hat seine eigenen Prüfmethoden. Doch wie glaubhaft sind die Ergebnisse? Beispiel Remmers: Der Lack- und Lasurenspezialist aus dem niedersächsischen Löningen quält seine Produkte regelrecht. Im Weather-ometer beispielsweise schwitzen die Präparate, an denen die Mixturen der kommenden Produktgeneration ausprobiert werden.
Was sagen Tests aus?
Doch was sagen diese Tests über die Qualität der geprüften Produkte aus? Und woran sollten sich Handwerker und Kunden orientieren, wenn sie vor dem Regal stehen? „Wer genau wissen will, was sich hinter den Tests verbirgt, sollte den Hersteller direkt ansprechen“, sagt Brigitte Kluth-Kosnik von der Stiftung Warentest. Denn es komme auch vor, dass Hersteller die Prüfbedingungen selbst festlegen und sich nicht an die Normen halten. Anwender sollten auf Nummer sicher gehen und fragen, was ein Lack wirklich leistet. Die Expertin empfiehlt, auch nach Siegeln zu schauen: „Dem Umweltengel können Sie vertrauen“, sagt Kluth-Kosnik. Denn er fordere teilweise mehr als gesetzliche Vorgaben und richte den Fokus auf Umwelt und Gesundheit.
Schwitzen und Frieren – fast drei Jahre lang
Neben dem Weather-ometer steht ein Thermoschrank. Dort müssen die Farben, Lacke und Lasuren Temperaturen zwischen minus 30 und 80 Grad Celsius aushalten. In dem nächsten Apparat wird Feuchtigkeit auf die Prüfobjekte losgelassen. Dort befindet sich auch eine Anlage, die aussieht wie ein Solarium. Den Holzpräparaten geht es dort mit UV-Strahlung an den Kragen.
Bis zu 8000 Stunden, also fast ein Jahr lang, bleibt das Testmaterial in dem Schrank. Danach kann auch ein Laie den Unterschied zwischen unbehandeltem und versiegeltem Holz erkennen: Denn das rohe Holz ist nach dieser Zeit fast vollständig zerstört. Der Zustand der lackierten Flächen hingegen variiert und gibt Hinweise auf die Qualität der Lacke. Die Prüf-Prozedur des Lack- und Lasurenspezialisten gleicht einer Folterkammer. Und es zeigt: Hersteller betreiben einen enormen Forschungsaufwand, um ihre Materialien weiterzuentwickeln und ständig zu verbessern. Für die sogenannten Freibewitterungstests hält sich der Hersteller nach eigenen Angaben an gängige Normen, die für diese Tests vorgegeben sind. „Die standardisierten Prüfnormen ermöglichen, dass mehrere Produkte unter gleichen Bedingungen getestet werden können“, sagt Jürgen Dirkes, Produktmanager für Holzschutz bei Remmers.
Garantie – was heißt das?
Die Test-Expertin Kluth-Kosnik weist auch auf die Bedeutung der „Systemgarantie“ hin, die viele Hersteller von Lacken und Farben geben. Wer selbst den Pinsel in die Hand nimmt, sollte Acht geben: „Sobald Sie ein fremdes Produkt verwenden, ist die Garantie hinfällig“, sagt sie. Das gelte für Grundierungen ebenso wie für Lacke und Lasuren. Und noch etwas ist laut Kluth-Kosnik wichtig: Eine Garantiezusage des Herstellers ersetze die gesetzliche Gewährleistung in keinem Fall. Die Garantie gelte immer nur neben der beziehungsweise zusätzlich zur gesetzlichen Gewährleistung. Kluth-Kosnik rät, immer vor dem Kauf zu fragen, was sich hinter den Versprechen der Hersteller verbirgt.
An der Konzipierung der Test arbeiten in Löningen hauptsächlich Chemieingenieure, Laboranten und Lackingenieure. Eine Menge Erfahrungswert fließe bei jedem neuen Test mit ein. „Jedes Produkt sehen wir gleichzeitig als Projekt“, sagt Dirkes. Projekte deshalb, weil die Entwickler die Produkte über Jahre hinweg betreuen. Jeder Lack und jede Lasur, die irgendwann in dem Regal des Fachhändlers landen soll, muss die Folterkammer passieren. „Wir bringen nichts intuitiv auf den Markt“, betont Dirkes. Hat jemand eine neue Produktidee, wird dafür zunächst ein Anforderungsprofil erstellt. Das beschreibt beispielsweise, wie der Lack aussehen soll und was er leisten muss. Dann gehen die Entwickler an die Arbeit.
|
|
|||
|
04.07.2008
|
|
||







