Chancen und Risiken
Motor oder Bremsklotz?
Das vereinigte Europa birgt Chancen und Risiken für das Handwerk. Was loben und tadeln Unternehmer konkret? Wir haben nachgefragt.
Ein Großteil der Normen und Vorschriften für kleine und mittlere Betriebe im Handwerk kommt aus Brüssel. In vielen Unternehmen ist der Groll gegenüber den EU-Politikern groß. Andere Handwerksunternehmer haben längst ihre Nische im Ausland gefunden und erschließen sich dort neue Märkte.
Doch was ist tatsächlich dran an Lob und Tadel? Vier Unternehmer haben ihre eigenen Erfahrungen gemacht und stellen Forderungen an die EU-Politik:
Profit
Durch Zufall ist Diedrich Buck an Aufträge in Norwegen gekommen. Der Unternehmer aus Bremervörde lieferte eine Konstruktion in das nordeuropäische Land. Das haben andere gesehen und uns beauftragt. Das deutsche Handwerk hat dort einen guten Ruf. Dennoch habe auch in Norwegen die Krise ihre Spuren hinterlassen. Viele Geschäfte seien gegen die Wand gelaufen. Doch Buck hat noch bis ins kommende Jahr hinein dort zu tun.
Mittlerweile erarbeitet er 70 Prozent seines Umsatzes mit dem Auslandsgeschäft. Gibt es Probleme? "Nein, Norwegen ist zwar nicht in der EU, aber die Standards sind alle einheitlich", sagt Buck. Bausicherheit sei dort ebenso festgeschrieben wie hier. "Wir wissen also, was wir verbauen dürfen."
Protest
Fleischermeister Heino Cohrs befürchtet, dass durch die EU-Hygienevorschriften innerhalb des kommenden Jahres mehr als 10 000 Betriebe in Niedersachsen schließen müssen. Seit Jahren versuche er, die Branche aufzurütteln und vor den Risiken zu warnen. "Aber ich erreiche mit meinem Protest nichts. Ich bin stinksauer auf die Gesetzgeber", sagt Cohrs. Es sei ein "Riesenaufwand", die Vorschriften in seinem Betrieb umzusetzen. "Das kostet Geld und jede Menge Zeit", berichtet der Unternehmer aus Rosengarten.
Er könnte jeden Tag locker vier Stunden ranhängen, um alle Anweisungen zu befolgen. Was ihn besonders ärgert, ist, dass der Bund und das Land Niedersachsen die Richtlinien der EU so verschärft umsetzen, dass sie gar nicht anwendbar seien. "Außerdem wissen die Offiziellen, die meinen Betrieb überprüfen, oft weniger Bescheid, als ich. Das ist lächerlich", betont Cohrs.
Bürokratie
Eine Absenkung der Mehrwertsteuer für Handwerksleistungen erhofft sich Eberhard Funke. "Dann würde mehr legale Arbeit verrichtet und somit kommen auch Steuern rein." Wenn der Kunde weniger zahle, würde er häufiger einen Fachmann aus dem Handwerk beauftragen. Der Sanitär- und Heizungsbaumeister aus Braunschweig bemängelt, dass die EU-Politiker zu wenig für den Mittelstand tun.
Bürokratie ist für ihn die größte Hürde. Normen und Richtlinien, die die EU auferlege, seien unverständlich und teilweise unnötig. Funke kritisiert auch die Abschaffung des Schornsteinfegergesetzes. "Jetzt sind wir Konkurrenten, vorher haben wir eng zusammengearbeitet", berichtet der Unternehmer. Als Vorteil sieht der Handwerksmeister die Öffnung des Marktes, der ihm Zugang zu neuen Aufträgen und anderen Produkten verschaffe.
Förderung
Von der Zertifizierung zu ganzheitlichen Zahntechnikern und Zahnmedizinern haben ein Großteil seiner Mitarbeiter profitiert. Zwei Projekte hat Rüdiger Wandtke im vergangenen Jahr mit EU-Mitteln umgesetzt. Geholfen hat ihm dabei das Programm IWiN (Individuelle Weiterbildung in Niedersachsen), das vom Land und der EU finanziert wird. "Die 3000 Euro, die einem mittelständischen Unternehmen an Fördermitteln im Jahr zustehen, sind nicht viel", sagt der Zahntechnikermeister aus Lüneburg.
Doch in Zeiten der Krise hätte er seinen Leuten sonst keine Weiterbildung gestatten können. Anderen Unternehmern empfiehlt Wandtke, sich auch über das Programm zu informieren. "Wenn man sich einmal eingearbeitet hat, ist es gar nicht viel Aufwand. Der Nutzen aber ist riesig."
Was loben oder tadeln Sie an den Vorschriften und Gesetzen, die aus Brüssel kommen? Schreiben Sie der Redaktion!
(ja)
