Engagiert für den Nachwuchs
Einsatz für benachteiligte Jugendliche
Das Handwerk übernimmt Verantwortung und bereitet auch schwierige Jugendliche auf die Ausbildung vor. Wie sie die jungen Menschen mithilfe ihres Handwerks auf das Berufsleben vorbereitet, beschreibt Töpferin Anke Remmers-Köhler im handwerk.com-Video.
Mit beiden Händen nimmt die zierliche Frau in Latzhose einen Batzen Ton vom Schlagbock und wirft ihn mit Schwung wieder drauf. Bis zu 15 Kilo schwer sind die Stücke, die Töpferin Anke Remmers-Köhler etwa 60 Mal anhebt, teilt und aufeinanderschlägt. "Dann homogenisiert sich die Masse", erklärt sie. Wie anstrengend das Tonschlagen ist, vernimmt man im Gespräch mit ihr. Die Keramikerin ist außer Atem.
"Bevor ich an die Scheibe gehe, ist locker eine Stunde vergangen", sagt Remmers-Köhler. Das Drehen an sich ist das Kürzeste am ganzen Arbeitsprozess. "Einen Kaffeebecher habe ich mittlerweile in drei Minuten gedreht. Aber alle Arbeitsschritte zusammengerechnet, komme ich auf eine gute halbe Stunde pro Stück!"
Mit flinken Fingern, viel Gefühl und Präzision dreht sie das Gefäß. Schnell nimmt das Stück Ton Form an. Neben der Scheibe auf der Werkbank aufgereiht sind eine Schüssel mit Wasser, ein Naturschwamm, ein Töpfermesser und hölzerne Drehschienen. Neben ihr auf der Holzbank, ihrem Arbeitsplatz, liegt ein Handtuch. Der Ton hat Spuren auf ihren Händen hinterlassen. Der Werkstoff fasziniert sie. "Die verschiedenen Stadien, die der Ton durchmacht, von weich und leicht formbar bis hin zu trocken, spröde und bruchempfindlich – er geht zweimal durchs Feuer und bekommt durch die Glasur eine glatte Oberfläche", fasst die gebürtige Ostfriesin zusammen. In ihrer Arbeit geht sie auf: "Hier bin ich ich selbst."
"Jungen Menschen zeigen, was ihn Ihnen steckt"
Seit dem vergangenen Herbst stellt sich die Unternehmerin zusätzlich einer neuen Herausforderung: Ihre "Töpferei Remmi" ist seitdem in den Räumen der "Produktionsschule NordLicht" des Albert-Schweitzer-Familienwerkes in Hermannsburg ansässig. Zehn Stunden pro Woche arbeitet sie mit benachteiligten Jugendlichen. Die jungen Menschen, die hier herkommen, haben harte Zeiten erlebt: Sie hatten Probleme mit Drogen oder Alkohol, sind Opfer häuslicher Gewalt oder wurden stark vernachlässigt und kamen in Beruf oder Schule nicht mehr klar. Die Aufgabe der Produktionsschule ist es, die Jugendlichen – auch mithilfe des Handwerks – auf eine Ausbildung oder einen Job vorzubereiten.
"Beim Tonschlagen können sie sich richtig auspowern", sagt Töpferin. Für die Jugendlichen ist es eine besondere Erfahrung, etwas mit den Händen zu schaffen, sich an das Material heranzutasten. "Mein Ziel ist es, sie in ihrer Persönlichkeit zu stärken. Über die Arbeit mit den Händen sollen sie spüren, was in ihnen steckt", sagt die 45-Jährige. Dass die Jungs und Mädchen, die zu ihr kommen, nicht immer einfach sind, gibt Remmers-Köhler offen zu. Doch das spornt die Frau an, die bei den Pfadfindern gelernt hat, in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren.
Bevor die Kunsthandwerkerin bei der Produktionsschule anfing, teilte sie sich mit anderen Künstlern eine Ladengemeinschaft. "Ich wollte mehr machen, als darauf warten, dass jemand meine Produkte kauft", sagt sie. Handwerkskunst habe ihren Preis. Das werde von den Kunden leider nicht immer wahrgenommen. Ihre Töpferscheibe, an der sie seit 1988 nach der Gesellenprüfung ihr Handwerk perfektioniert, könne sie jetzt auch als "Therapiegerät" nutzen.
Für jeden Schüler ein individuelles Konzept
Doch Töpfern ist nicht die einzige Methode, mit der die Schüler in einen geordneten Alltag finden sollen. Noch zwei andere Handwerker arbeiten für das Projekt: Die Weberin und Filzerin Stephanie Hantzko hat ihr Atelier im selben Haus. In einem kleinen Ausstellungsraum stehen die Waren der Künstlerinnen zum Verkauf. Auch die Produkte der Jugendlichen werden dort angeboten. Ein paar Straßen weiter hat Tischlermeister Wilfried Ripke seine Werkstatt. Regale und andere Möbel, die er mit den Produktionsschülern fertigt, stehen im Laden oder sind Auftragsarbeiten für Kunden in der Region. Außerdem sind zwei Sozialarbeiterinnen im Einsatz. Sie sind Ansprechpartnerinnen, wenn es Klärungsbedarf im menschlichen Miteinander gibt. Mit ihnen erarbeiten die Handwerker für jeden Schüler ein geeignetes Konzept.
In der Töpferei formen die Schüler Spardosen, kleine Stücke wie Türschilder oder Kühlschrankmagneten. Einige von ihnen liegen bereits in einem großen Regal in der Werkstatt, in dem auch die Gefäße der Töpferin stehen. Sie haben die Form einer Hand und auf ihnen steht "NordLicht". Eine wahre Herausforderung ist das Drehen an der Töpferscheibe. Was den Fortschritt der Jugendlichen betrifft, ist Anke Remmers-Köhler zuversichtlich: "Wenn jemand ein Jahr hier ist, kann er bestimmt schon Henkelbecher drehen", sagt sie, während sie die letzten Rundungen an dem Becher auf der Scheibe formt. Mit einem Draht löst sie das weiche Gefäß und stellt es zur Seite. Die Töpferin hat schon in den ersten Monaten erlebt, dass die Jugendlichen auch scheitern, "wenn irgendwas beim dritten Versuch nicht so klappt, wie sie es sich vorstellen". Doch das Größte für sie ist, wenn die Schüler feststellen, "dass ihre Arbeit mit den Händen was Tolles ist und sie am Ende was Eigenes geschaffen haben".

1 Kommentar zu "Einsatz für benachteiligte Jugendliche"
Damit kein Missverständnis entsteht: Ich bilde seit Jahrzenten aus, auch schwache Jugendliche. Über 185 Lehrlinge waren das im Lauf der Zeit. Immer bilde ich auch über Bedarf aus, derzeit fünf Lehrlinge. Forderungen nach mehr Verantwortung für schwierige Jungendliche, nach minder qualifizierten Ausbilungsgängen von minder qualifizierten Schulabgängern, lese ich immer nur aus dem Handwerksbereich. Warum eigentlich? Schmalspurärtze, Schmalspurbeamte, Schmalspurverwaltungsangestellte, Schmalspursachbearbeiter, Schmalspurkaufleute, Schmalspurrechtsanwälte etc., davon habe ich noch nie etwas gehört oder gelesen. Warum wohl? Vielleicht dienen für die Forderung nach minder qualifizerten Ausbildungsgängen ja unsere Politiker als Vorbild: • Haben nichts in der Birne, sind unqualifiziert, leisten wenig und werden dafür aber erstklassig bezahlt. Es scheint mir so , als wollten die Politiker ihr eigenes System auch auf das Handwerk übertragen. Ja, ich gebe es zu, das ist zynisch und populistisch, was ich hier von mir gebe. Aber mir geht die seit vielen Jahren, ja Jahrzenten, geführte Diskussion nach "einfacheren" Berufsbildern - speziell und ausschließlich immer im Handwerk - einfach auf die Nerven. Egel wo in der Wirtschaft, bei einer Veränderung wird es nicht nur anders, sondern auch besser gemacht, so jedenfalls der Anspruch. Und die Evolutuion hätte auch nicht funktioniert, wenn die Natur sich rückwärts orientiert hätte, "weniger komplizierte" und "einfachere" Geschöpfe erschaffen. Wir würden uns sonst wahrscheinlich heute noch als Einzeller im Meer treiben lassen. Gut, dann hätten wir die heutigen Probleme nicht. Jetzt soll mir der Personenkreis, der die dauernde Diskussion um "die einfacheren" Berufsbilder immer führt, einmal sagen, ob er auch bereit ist, persönlich für diese mindere Qualifikation und mindere Qualität, z.B. bei Malerarbeiten in ihrem Haus, auch noch den durch den Tarifvertrag festgeschriebenen hohen Lohn zu bezahlen? Oder ob der gleiche Personenkreis uns uns nach Fertigstellung der Arbeiten durch einen schwierigen jugendlichen "Schmalspurmaler" nicht sofort eine riesige Mängelliste um die Ohren haut, uns wegen des hohen Preises an den Pranger stellt und einen Rechtstreit vom Zaun bricht? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Warum muss ausgerechnet immer nur das Handwerk Sammelbecken aller schwierigen Jugendlichen sein und "Verantwortung" übernehmen? Wo sind da die ganzen anderen Wirtschaftzweige? Und vor allem: Wie und wo wird dieses enorme persönliche, zeitliche und finanzielle Engagement - z.B. der im Video gezeigten Töpferin Anke Remmers-Köhler - seitens der Gesellschaft honoriert?