Gewichtige Diskussion
Dicker Chef, dicker Kassenbeitrag?
Die Theorie: Weil Dicke das Gesundheitssystem belasten, sollen sie stärker an den Kosten beteiligt werden. Die Praxis: Ein sächsischer 146 Kilo-Handwerker hat einen drastischen Weg im Kampf gegen sein Übergewicht gefunden.
"Mindestens zehn Prozent der gesamten Gesundheitskosten werden durch die Folgekrankheiten von Übergewicht verursacht. Das sind jährlich über 17 Milliarden Euro." Mit dieser Feststellung in der Bildzeitung hat der Gesundheitsökonom Günter Neubauer eine Diskussion ausgelöst.
Die Frage: Soll die Solidargemeinschaft die monetären Folgen des Übergewichts übernehmen oder werden Dicke künftig stärker zur Kasse gebeten? "Ich halte es für sinnvoll, dass bewusst ungesund lebende Menschen auch in finanzieller Hinsicht eine Verantwortung dafür tragen", sagt beispielsweise der CDU-Bundestagsabgeordnete Marco Wanderwitz.
Der sächsische Handwerker Steffen Nartschick wiegt 146 Kilogramm. Wir haben den Chef der "Nartschik GmbH Stahlbau und Schlosserei" gefragt, was er von solchen Überlegungen hält. "Ganz ehrlich, das Thema interessiert mich gerade nicht", lautet die Antwort. Und das hat einen guten Grund, der Schlosser bereitet sich auf ein drastisches Abspeck-Programm vor.
Nartschick war mit seinen Plänen ünlängst in den Medien gelandet: Er hat sich selbst eine Auszeit von einem Jahr verordnet, in dem er nach Rom pilgern will. Eine persönliche Notbremse. Nartschik hat einen Schlaganfall hinter sich und leidet unter Diabetes.
Wie finanziert er es, dass seine sechs Angestellten in Grumbach ein Jahr auf ihn verzichten müssen? Nartschick verrät nur so viel: "Ich habe Erfindungen patentieren lassen - ich kann mir die Reise leisten."
Die Krankheiten des Schlossers sind typisch, die häufigsten Folgekrankheiten von Übergewicht sind Diabetes, Herz-Kreislaufkrankheiten, Gelenkschäden, Darmkrebs, Prostatakrebs und Brustkrebs.
Ob es aber tatsächlich höhere Kassenbeiträge für Übergewichtige geben wird, ist fraglich. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach spricht in der Tageszeitung Die Welt von einem "schwachsinnigen Vorschlag". Schließlich führten auch genetische oder psychische Veranlagungen zu Übergewicht.
Im Fall Nartschick sind andere Ursachen ausschlaggebend: "Ich habe zu viel gegessen und mich zu wenig bewegt." Das wird sich jetzt ändern - wenige Stunden nach dem Gespräch mit handwerk.com hat er sich auf den Weg gemacht.
Dicke, Wintersportler, Raucher – alle zur Kasse bitten? Macht das Sinn – oder soll hier nur das letzte aus den Beitragszahlern herausgepresst werden? Wir sind auf Ihre Meinung gespannt!
(sfk)

3 Kommentare zu "Dicker Chef, dicker Kassenbeitrag?"
Über die Risikogruppe Handwerksmeister hat (glücklicherweise) noch keiner gesprochen. Könnte teuer werden. Man denke an den Dachdecker, der noch selbst aufs Dach steigt. Oder an den Tischler und seine Kreissäge, Kfz-MechanikerTestfahrt, SchlachterMesser. Und was ist überhaupt, wenn der Schlachter dann Skifahrer ist, aber nicht raucht? Die Tarife möchte ich sehen. Das ist doch brüokratischer Blödsinn.
So wünschenswert die finanzielle Belastung nach der Riskogruppe auch sein mag, praktikabel ist sie nicht. Wer Sport treibt, kann sich verletzen, wer keinen sport treibt, wird dick. Wer mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, hat zwar ein gesundes Herz, aber das nützt ihm beim Zusammenstoß mit dem PKW des übergewichtigen Kollegen wenig. Im Auto wäre ihm nichts passiert. Das ist also nicht der Weg. Indes ist der weg eigentlich schon erfunden: Beitragsrückvergütung bei Nichtinanspruchnahme. Das funktioniert doch bei anderen Versicherungen auch. Warum muß sich eine Krankenversicherung eigentlich von einer Kasko unterscheiden?
Die sich zügeln, auf ihr Gewicht achten, regelmäßig Gesundheitssport treiben, nicht rauchen, also fit sind und auf sich achten, werden in unserem System bestraft, in dem sie die enormen Kosten für die Unbeherrschten, Trägen und Unvernünftigen (Wahnsinnigen) mit bezahlen das hat ganz und gar nichts mit Solidarität zu tun! Es gibt - wissenschaftlich bewiesen - Normalgewichtige, es gibt - nachweisbar - Nichtraucher, es gibt solche, die sich durch Extremsport - dazu zähle ich auch die Einmal-im-Jahr-Skifahrer - leichtfertig und leichtsinnig verletzen, warum sollen sich die nicht zusatzversichern (müssen) oder wahlweise diese Extrakosten selber bezahlen? Wahrscheinlich ist es unterm Strich billiger nicht zu fressen, nicht zu qualmen und seine Mitmenschen damit zu schädigen und dafür ein bisschen in Gesundheitssport zu investieren. Und es kommt noch ein toller Effekt hinzu: Das Leben ist (wieder) schön!