15.03.2012
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Halali

Auf zur lustigen Wulff-Jagd

Da habe ich also auf Christian Wulff eingeschlagen. Warum nur? Der liegt doch sowieso schon am Boden. Heute nehme ich mir deshalb andere Gegner vor: Mich selbst und den Rest der Medienbranche.

Jede Wette: Genau die Kollegen, die in den vergangenen Wochen am lautesten Begriffe wie Moral und Vorteilsnahme und Ehrlichkeit und Anstand in die Welt posaunt haben, loggen sich jeden Morgen bei Pressekonditionen.de ein. Vor dem ersten Wulff-Bashing schnell mal gucken, was es an neuen Sonderangeboten gibt.

Pressekonditionen.de sagt über sich selbst: "Pro Monat erfolgen rund 578.502 Seiten-Abrufe auf unsere Site und unser Newsletter - der alle zwei Wochen jeweils montags verschickt wird - geht an 22.902 Journalisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz."

Man darf ja mal fragen, welcher Sinn dahintersteckt. Dass VW die Pressefreiheit fördert, indem der Konzern Autojournalisten billige Autos zuschanzt? Na, klar.

Ich habe auch schon Rabatte in Anspruch genommen, diverse Male. 25 Prozent auf Flüge nach Monte Gockelo. Und die Bahncard zum halben Preis. Noch. Vor Kurzem lag ein Brief in der Post, in der die Bahn angekündigt hat, dass es die vergünstigte Bahncard nur noch bis zum 15. April geben wird. Der Journalistenrabatt sei "nicht mehr zeitgemäß". Und überhaupt: "Nicht nur die Medienwelt hat sich grundlegend verändert, auch die gesellschaftliche Sicht der Dinge wandelt sich." Hilfe, ist mir das peinlich.

Trotzdem habe ich die Billig-Bahncard fix geordert, anschließend in die Tasten gehauen und C. W. niedergemacht. Ich habe doch tatsächlich folgende Sätze geschrieben: "Christian Wulff hat als Politiker versagt. Und als Mensch." Was für ein Schwachsinn, staatstragend, unnötig. Gut, auch ich gestehe mir ab und an einen schlechten Tag zu, aber diese Form der substanzlosen Abrechnung überlasse ich normalerweise lieber den Kollegen, die sich zwischen zwei Themen hechelnd bei Pressekonditionen.de umsehen.

Mal angenommen: Wulff weiß, was er tut. Als Jurist und Christ müsste ihm klar sein, was sich nicht gehört. Ihn nicht zur Rechenschaft zu ziehen, wäre absurd. Aber vielleicht ist es eine Überlegung wert, wie man das formuliert, ohne dabei auf die Tastatur zu sabbern.

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(sfk)

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1 Kommentar zu "Auf zur lustigen Wulff-Jagd "

  1. Jaime del Molino - 17.03.2012, 10:01 Uhr (Kommentar melden) Antworten

    Wertgeschätzter Kollege "SFK". Auch ich bin ein Journalist, aber aus einer gänzlich anderen Branche als das Handwerk.com. Wenn ich gelegentlich Vergünstigungen erhalte, dann sind diese frei davon, dass jemand Einfluss auf mich nehmen möchte. Aber es gibt auch Kollegen anderer Branchen, die nicht das schreiben was sie wollen oder was sie denken, sondern weil sie in der Tat Vorteile suchen, oder von anderen höheren Mächten dazu angehalten werden. Wie dem auch sei. Tastatur-Sabberei (ist das ein Schimpfwort von F. J. Strauß ?), wie sie es nett definieren, sehe ich in der Yellow-Press und bei den Papparazzies. Bei freiem und kritischem Journalismus nennt unser Ressort-Leiter es "demokratisierendes Adrenalin-Doping".